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An jenem Abend geschah etwas.
In Rom und anderswo.
Martin Lumière wußte noch nichts davon.
In diesem Moment begann die Glocke von Sankt Peter zu schlagen. Martin Lumière überhörte sie. Erst als der Klang nach langen zwölf Schlägen ausblieb, stellte sich ein Gefühl ein, daß etwas fehlte. Da schwang doch noch ein leiser Nachhall in ihm. Mußte da nicht etwas anderes gewesen sein, weshalb er aus seinem Versunkensein aufgetaucht war? Irgend etwas hatte sich ereignet. Eine Ahnung davon schob sich wie aus weiter Ferne in sein Bewußtsein. Irgend etwas war passiert. Er spürte es. Ihm schien plötzlich, als habe ein Geräusch die friedliche Stille, die über dem Platz und in ihm lag, aufgerissen, als sei ein Mißton in die tiefe Harmonie gefahren. Aber was war es gewesen?
Alles war ruhig. Unsinn, sagte sich Lumière.
Vielleicht war doch nichts geschehen.
Martin Lumière hatte am späten Abend - es ging auf Mitternacht zu - noch ein paar Schritte gehen wollen, die wenigen Meter von seinem Hotel in der Via della Conciliazione zur Piazza San Pietro. Der riesige Platz des Bernini vor Sankt Peter gefiel ihm. Nicht, weil hier die Päpste sich und ihre Kirche feierten. Nein, das Triumphale dieser ausgedehnten und, wie er wußte, sorgfältig konstruierten, die Unterschiede eines Hügels ausgleichenden Piazza imponierte ihm, aber es überwaÅNltigte ihn nicht. Vielleicht war er dafür nicht religiös genug.
Martin Lumière galt sich und anderen als moderner Mann von knapp vierzig Jahren - er selbst legte Wert darauf, neununddreißig anzugeben und dafür gehalten zu werden. Genau gerechnet, waren es neununddreißig Jahre, sechs Monate und drei Tage. Ein Mann auf der Höhe der Zeit, der sich nicht so schnell Beeindrucken ließ. Doch irgend etwas an diesem Platz zog ihn immer wieder an, versetzte ihn in jene Stimmung, die am Ende eines anstrengenden und enttäuschenden Tages guttat, ihn mit den Mühen seines Auftrags versöhnte.
Anstrengend war es heute gewesen. Und enttäuschend. Lumière gestand es sich ein. Nach dem Gespräch mit dem schwerhörigen Jesuitenpater Durban an der Gregoriana- Universität, den langweiligen Stunden in der Bibliothek dort mit der Durchsicht alter Zeitungen und Zeitschriften, dem ergebnislosen Besuch im Vatikanischen Geheimarchiv, für dessen Erlaubnis er sich hatte lange bemühen müssen, dem beschwerlichen Gang am Abend durch das Ghetto am Tiber mit mühevollen Unterhaltungen - nach all dem hatte er sich auf seine Piazza im Dunkeln gefreut. Vielleicht war da noch etwas anderes.
Vielleicht hatte er im stillen gehofft, jene Frau wiederzusehen, die ihm am Vorabend aufgefallen war. Sie hatte seine Neugier geweckt, weil sie zu später Stunde von einem Auto - mit nicht-italienischem Kennzeichen, wie er bemerkt hatte - abgesetzt worden war und dann allein über den Petersplatz ging. Solche Frauen sieht man selten allein, hatte er gedacht. Solche Frauen nicht.
Aber nun war eine Störung eingetreten. Sie mußte von außen gekommen sein, etwas Reales. War es gar ein leiser Schrei gewesen? Oder ein leichter Knall? Gewiß nichts Lautes. Aber doch etwas, das seine Wahrnehmung berührt und dabei jenen Gefühlsfrieden zerrissen hatte, den er fest um die wenigen Passanten, fast um die ganze Menschheit gespannt hatte. Lumière schüttelte sein Bewußtsein, so heftig wie ein Pudel sein nasses Fell, um herauszufinden, was die Störung in seinem Wohlbefinden verursacht hatte.
Ein Schrei? Ein Knall? Ein Knall, wie er von einer Fehlzündung, von einem Motorrad herrühren konnte? Ein Schrei, wie ihn ein Mann vielleicht aus Übermut, eine Frau bei nicht ernstgemeinter Belästigung oder gar willkommener Annäherung ausstößt? Oder ein Schrei voller Erschrecken und Angst? Martin Lumière wußte es nicht.
Die Stimmung war dahin. Lumière schaute ringsum, zur Basilika weit voraus, zu den Brunnen, dem linken ganz in seiner Nähe und dem rechten hinter dem hohen Obelisken in der Mitte der Piazza, dann zu der Säulengalerie hinter sich. Er blickte hinauf zum Apostolischen Palast. Dort, im dritten Stock, wohnte der Papst; wahrscheinlich schlief er jetzt, früh, wie es seiner Gewohnheit entsprach. Dort oben, im zweiten Fenster von rechts, war der Kirchenführer am vergangenen Sonntagmittag erschienen, hatte ein paar Worte gesprochen, die schweigend, doch von vielen ohne besondere Ergriffenheit aufgenommen wurden, und war nach einem kurzen Gebet wieder verschwunden. Aber der Papst kümmerte Lumière im Moment wenig.
Was sollte ihn jetzt überhaupt beschweren? Er gähnte lang und tief und beschloß, ins Hotel zurückzugehen.
Als er nach wenigen Metern um das Ende der Kolonnaden bog, sah er etwas Dunkles am Boden. Beinahe wäre er weitergegangen, so sehr hatte ihn das, was ein Schrei oder Knall hätte sein können, nun auch wieder nicht mit Verdacht erfüllt.
Schließlich war er weder Polizeibeamter noch Gerichtsreporter.
Er hätte achtlos darüber hinweggeschaut, wenn ihm nicht die Stelle merkwürdig vorgekommen wäre. Das Dunkle - hatte es nicht die Umrisse einer menschlichen Gestalt? - lag genau auf jenem grauen Streifen, der die Grenze zwischen dem Staat der Vatikanstadt und der Republik Italien bezeichnete.
Verwundert hielt Lumière inne. Vor Jahren, als sein Heimatland noch durch einen Eisernen Vorhang geteilt war, hatte er bei einer Besichtigungsreise mit seinen Eltern in Rom gelernt, daß eine Grenze auch so sein könne: Einfach ein grauer Streifen im Straßenpflaster, vom Ende der Kolonnaden links zum Anfang der Kolonnaden rechts, oder umgekehrt, je nachdem, wie man sich stellte. Eine Grenze, weil der kleine Staat des Papstes mitten in Rom souverän ist und ein souveräner Staat eben eine Grenze haben muß, selbst wenn sie nichts zu bedeuten scheint, niemand aufpaßte, daß über die Grenze nicht die Eingegrenz9 ten wegliefen und jedermann sie leicht ohne Paß und Visum überschreiten konnte. Das heißt, der Cicerone damals, eine Studentin mit sanftem Lächeln und kühlen Augen, hatte erklärt, in den neun Monaten der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs, zwischen September 1943 und Juni 1944, sei der Streifen von Bedeutung gewesen und auch bewacht worden; mancher Italiener sei über diese Grenze geflohen, um im Vatikan Schutz vor Verfolgung zu suchen. So sagte sie. So war es wohl auch gewesen. Und Martin Lumière hatte es sich gemerkt.
Ihm fiel ein, daß er dazu Genaueres erfahren mußte. Denn er konnte es für seinen Auftrag gebrauchen, der ihn nach Rom geführt hatte. Aber Vergangenheit hin und Auftrag her. Martin blickte in die Gegenwart. Auf dem grauen Streifen, am Ausgang der Kolonnaden, der rechten, wenn man, wie Lumière jetzt, mit dem Rücken zur Basilika stand, lag etwas Schwarzes, halb an den runden Schutzstein, halb an ein Holzgatter gelehnt, jene Sperre, die nicht für unerlaubte Grenzgänger, sondern gegen parkwillige Autofahrer und zur Kanalisierung der Pilger und Besucher aufgestellt war. Auf wessen Territorium lag diese, wohl menschliche Gestalt? Im Vatikan oder in Italien? Lumière überlegte. Er erschrak, weil er an den blutigen Zwischenfall an der Berliner Mauer dachte, bei dem ein Mann genau auf der Grenze verblutet war.
Unsinn, sagte sich Lumière, das hier war ein schlafender Stadtstreicher, vielleicht gar ein besonders frommer Pilger. Da vernahm er ein leichtes Stöhnen, fing eine mühevolle Bewegung auf. Schon war er - wie er nun an einem kurzen grauen Bart sah - bei dem Mann, suchte dessen Kopf mit seiner Hand zu stützen, schaute in weit aufgerissene Augen und auf sich bewegende Lippen, hörte ein paar Worte, die er nicht verstand, doch dann ganz deutlich: »E stato lui ... Toujours lui ... Er war es ... Immer er ...« Dann schüttelte es den Körper, und die Gestalt sank mit einem Ruck in sich zusammen. Es schien Lumière, als würde die Glocke von Sankt Peter in ihm zu schlagen beginnen und mit jedem Schlag lauter und dröhnender werden. Aber über dem Platz lag friedliche Stille. Nur eines wollte dazu nicht passen. Martin Lumière sah, daß an seiner rechten Hand, die den Kopf des Mannes gehalten hatte, ein wenig Blut klebte. Und er wußte, daß der Mann vor ihm in dem schwarzen Gewand eines katholischen Priesters tot war.
Als die Glocke von Sankt Peter anfing zu schlagen, zählte der Kommissar mit: » ... elf, zwölf.« Benigno A. Sandiavolo gähnte. »Für heute reicht es«, wandte er sich an die zwei Untergebenen, die an einem Alfa lehnten. »Ich gehe.«
Der Kommissar war müde. Den ganzen Tag über hatte er hetzen müssen, und der Abendempfang bei Senator Vitelleschi war nicht entspannend gewesen. Im Gegenteil.
»Ich gehe«, wiederholte Sandiavolo und blieb stehen. Er zog die Stirn zusammen, so daß sich durch die Verschiebung der Falten zwei kleine Verknotungen bildeten. »Fast wie beim Moses des Michelangelo«, hatte ihm einmal eine kunstsinnige Freundin gesagt, wobei sie offen ließ, ob sie diese zwei Hörnchen als Zeichen erleuchteten Verstandes deutete oder nicht doch - seinem Namen »Heiliger Teufel« entsprechend - als Zierstücke des Leibhaftigen.
Über solche Vergleiche war Sandiavolo erhaben. Einundfünfzig Jahre alt, seit fast dreißig Jahren bei der Polizei in Rom, stand er über den Versuchen, in die Nähe des Allerhöchsten oder des Luzifer, des lichtbringenden Bösen, gerückt zu werden. Aber ob der Geist nun nach oben oder nach unten wies, Verstand hatte Benigno Sandiavolo in hohem Maß. Fast alle Kollegen erkannten das an, beinahe ohne Neid; sein Gehirn könne arbeiten wie ein Großcomputer, sagten sie. Mit dieser Fähigkeit hätte er es in jedem anderen Beruf zu mehr Ansehen, Macht und Geld gebracht. Doch er war mit knapp zweiundzwanzig Jahren in die Polizei, die Pubblica Sicurezza, die Öffentliche Sicherheit, wie es in der Republik Italien heißt, eingetreten und dabei geblieben. Vielleicht aus Dankbarkeit, weil die Polizei ihn aus der Misere gezogen hatte. Benigno war in einer Borgata aufgewachsen, in einem ärmlichen Barackenbezirk im Rom der Nachkriegszeit.
Als er zum Militär eingezogen wurde, hatte er die schlimmsten Erfahrungen des Lebens bereits hinter sich: Streit in der Familie, gegenseitiges Mißtrauen Gewalt und Diebereien, auch unter Verwandten, Betrug, Raub und Mord, Vergewaltigung, Prostitution und Erpressung. Alles kannte er. Als er überlegte, was er mehr hassen sollte, die Verhältnisse, aus denen er kam, oder jene, die ihn, wie er zuweilen hörte, dazu verurteilt hatten, bot man ihm überraschend wegen seiner hervorstechenden Intelligenz an, in die Polizei übernommen zu werden. Er wurde ge- und befördert und brachte es aufgrund seiner Fähigkeiten in wenigen Jahren zum Kommissar. Für die unten behielt er Verständnis und drückte eher ein Auge zu als bei denen oben - wenn es möglich war.
Bei dem Senator war alles anders. Vitelleschi hatte ihn heute abend gefragt, ob er etwas Neues wisse. Gerade als er mit einer jungen Richterin flirtete. Er hatte unwillig reagiert. Nicht nur wegen der Störung, sondern weil er noch kein klares Bild gewonnen hatte. Mit dem Senator verband ihn viel. Vor Jahren hatte der Fall Vitelleschi sein Leben verändert. Der Schwiegersohn des Senators der führenden Regierungspartei war auf der Via della Camilluccia, einer Hauptstraße in einem der besseren Viertel im Nordwesten Roms, nachts um drei Uhr von einem Auto erfaßt und vor den Augen seiner Frau tödlich verletzt worden. Der Fahrer hatte Unfallflucht begangen. Das war Anfang Juni, kurz vor den Parlamentswahlen, die den Senator in seinem Amt bestätigen sollten. Die Beerdigung hatte ganz Italien zu Tränen gerührt, weil die schöne Witwe in Schwarz mit drei kleinen Kindern den Absturz aus dem siebten Himmel des Familienglücks symbolisierte. Die Illustrierten konnten nicht genug davon bringen. Der Senator schien vom Leid zerstört, seine Tochter untröstlich.
Sandiavolo hatte jedoch mehr durch Zufall etwas ganz anderes entdeckt: Der Zufall bestand darin, daß er, zum Unfallort gerufen, dort ganz in der Nähe beim Einparken mit seinem Wagen rückwärts - das war eine seiner Schwächen, Rückwärtsfahren - leicht an ein Auto gestoßen war, das rechts vorn am Kotflügel schon vorher eine Beule aufgewiesen haben mußte. Das Auto gehörte, wie man leicht sehen konnte, einer Mietwagengesellschaft. Kurz und gut, als er die Sache in Ordnung bringen wollte, stellte er nach und nach fest, daß der Leihwagen von der Tochter des Senators mit falschem Führerschein und Bargeldkaution gemietet worden war. Weiter erfuhr er von den Dienstboten, daß die Ehe der Senatorentochter »eine Katastrophe « gewesen war. Amelia Vitelleschi, verheiratete Casavecchia, hatte, so ließ sich anhand der Indizien und Spuren an dem Leihwagen rekonstruieren, bei der Rückkehr mit ihrem Mann von einer Abendgesellschaft vor dem Tor des Familienanwesens das gemeinsame Auto unter einem Vorwand verlassen, war, als der Mann das Tor aufschloß und - wie gewohnt - dafür in der Dunkelheit einige Zeit brauchte, schnell zu dem vorher wenige Meter entfernt geparkten Mietwagen gelaufen und hatte ihren Mann überfahren, als dieser wieder einsteigen wollte. Dann hatte sie das Auto 40 Meter weiter abgestellt, war zurückgeeilt und hatte von da an die vom Schicksal geschlagene Witwe gespielt. Als Sandiavolo den Senator über dessen Tochter befragte und ihn von dem überraschenden Ergebnis seiner Ermittlungen in Kenntnis setzte, ergab sich jener Monolog, der sein Leben veränderte. »Mein Schwiegersohn«, sagte der Senator, »war ein Schwein. Er hat den Tod mehr als verdient. Meine Tochter darf seinetwegen nicht bestraft werden. Ich werde dafür Him- mel und Hölle in Bewegung setzen. Commissario, Sie können davon überzeugt sein! Und Sie werden dabei nicht ungeschoren davonkommen, wenn Sie sich mir in den Weg stellen. Mein Schwiegersohn hat im Leben genug zerstört, er wird es nicht auch noch mit seinem Tod tun.«
»Was ist das auch schon, ein Toter?« So ungefähr fuhr der Senator fort. »Die Weltgeschichte ist voll von Verbrechern, und die Menschen haben immer den mutigen und mächtigen Mördern applaudiert. Lesen Sie die Bibel, lesen Sie Homer, die Illas mit dem zehnjährigen Kampf um Troja, durch nichts anderes als durch Menschenraub verursacht, oder die Odyssee mit den Schurkereien des listenreichen Helden! Nehmen Sie unsere römische Kaisergeschichte, nichts anderes als eine Abfolge von Verbrechen! Die Mutigen und Mächtigen zahlen nie für ihre Morde, und meine Tochter auch nicht.«
»Aber wenn Ihre kleine Seele«, dabei hatte ihn der Senator durchdringend angeblickt, »wenn Ihr zartes Gewissen aufschreit und Gerechtigkeit verlangt und meint, das Gesetz müsse für alle gleich sein - welch Hirngespinst! -, schlage ich Ihnen einen Handel vor. Sie suchen seit zwei Jahren den Raubmörder einer Frau, einer gewissen Mariacristina Civettina. Es ist Claudio Monterosso. Sie werden morgen in Ihrem Büro die Beweise für seine Schuld finden. Überlegen Sie, ob Sie selbst wie ein Blinder der blinden Justitia assistieren wollen!« Noch am selben Abend war der Kommissar auf der Fahrt nach Hause von zwei Männern auf einem Motorrad eingeholt worden; bei einer Ampel hatte der auf dem Hintersitz eine Pistole gezückt und durch das offene Fenster auf ihn geschossen - mit Platzpatronen. Außerdem war seine Wohnung durchsucht und in Unordnung gebracht worden. Er hatte daraufhin den Senator angerufen und in den Handel eingewilligt. Gleichsam als Lebensversicherung, fügte er in dem Telefonat hinzu, werde er jedoch die Beweise für die Schuld der Tochter einem vertrauten Anwalt zu sicheren Händen übergeben. »Von einem Freund habe ich nichts zu befürchten«, antwortete darauf der Senator, »von einem intelligenten erst recht nicht, und Sie auch nicht.«
Am nächsten Morgen lag auf seinem Schreibtisch im Büro ein Paket. Der Fall Civettina war gelöst; er verhaftete den Mörder. Einen Monat später erhielt er in einem Päckchen Schlüssel, Adresse und sämtliche Eigentumsunterlagen für ein Appartement in der Via Margutta, nicht groß, aber angenehm gelegen mit schöner Aussicht über die Dächer Roms. Eine Woche darauf rief ihn der ihm bis dahin gänzlich unbekannte Direktor einer nahen Bankfiliale an und eröffnete ihm, daß sein Kreditrahmen erweitert worden sei, durch »Rückzahlung persönlicher Schulden«. Und immer wieder bekam er anonyme Anrufe, die ihm für seine Ermittlungen nützliche Details lieferten. Sein Ruhm als Kommissar erstrahlte ebenso, wie dem Bedürfnis der Bürger nach gerechter Bestrafung der Übeltäter entsprochen wurde. Als Gegenleistung verlangte man von ihm scheinbar nichts Unbilliges: Hinweise, Informationen, Personalangaben. Er beruhigte sein Gewissen, indem er sich sagte, daß durch sein Verhalten Justitia nur besser sehen könne.
Der Kommissar stand immer noch an derselben Stelle, neben der Polizeistation am Passetto, dem Verbindungsgang zwischen dem Vatikan und der Engelsburg. Wieder zog er die Augenbrauen in die Höhe. Warum mußte er heute abend nur an diese alte Geschichte denken?
Der Senator hatte ihn nach Miro Caldona gefragt. Seit Monaten beherrschte Miro Caldona die Schlagzeilen der italienischen Zeitungen. Diesem Neapolitaner war es gelungen, aus dem Nichts heraus, genauer, aus dem armen Viertel von San Ferdinando in Neapel heraus, als jüngstes Kind einer siebenköpfigen Familie, an die Spitze der Banca Cattolica di Napoli zu gelangen und dann durch geschickte Operationen und Zukäufe die größte italienische Privatbank, die Banca Cattolica Romana, zu schaffen. Nun war er dabei, die Finanzen des Vatikans zu sanie15 ren, was angesichts des bekannten Durcheinanders im Patrimonium des heiligen Petrus keine leichte Aufgabe sein konnte. Wegen Caldonas Aktivitäten waren die Beziehungen zwischen dem Staat der Vatikanstadt und der Republik Italien seit einigen Wochen gespannt. Das war dem Kommissar Sandiavolo nicht entgangen. Doch was wollte der Senator dabei von ihm? Vitelleschis Frage nach Miro Caldona hatte ihn verwundert. So sehr, daß er rein aus Gefühl dorthin gefahren war, wo die Republik Italien und der Staat der Vatikanstadt zusammenstießen, an der Piazza San Pietro. Es war nur ein kleiner Umweg, von der Via Camilluccia zur Piazza del Popolo mit ihrer Via Margutta.
Der Kommissar schob das Kinn etwas vor und beschloß, nun wirklich zu gehen. Als er auf den Passetto zuschritt, blickte er in die Höhe, genau dorthin, wo an der Mauer über der Durchfahrt das Wappen Papst Alexanders VI. angebracht war, wenn er es auch wegen der Dunkelheit und der kargen Straßenbeleuchtung nicht richtig sehen konnte. Er kannte es auch so: Stier und Lilien waren die Zeichen. Sandiavolos Gesicht verfinsterte sich. Als er das erste Mal in dieser Polizeistation im Passetto gewesen war, hatte ihn sein Vorgesetzter, der Maresciallo, gefragt, ob er Alexander VI. kenne. »Wieso?« hatte er damals töricht geantwortet. »Der hat das alles hier gebaut. Deshalb hat er an dieser Stelle auch ein Wappen angebracht. Aber denk dir nichts!« hatte ihm der Maresciallo auf die Schulter geklopft. »Selbst die Römer kennen ihre Stadt nicht mehr.« Das Denk-dir-nichts hatte Benigno Sandiavolo am meisten aufgebracht, aber auch der Vorwurf der Unbildung. Seitdem las er Geschichtsbücher. Und seitdem er mehr über Alexander VI. wußte, wünschte er, in der Renaissance gelebt zu haben.
»Auch Renaissancemenschen müssen schlafen«, sagte der Kommissar und gähnte noch einmal.
Angelo Mefisto hatte etwas zu verbergen. Immer mußte er etwas verbergen. Seit seiner frühesten Kindheit. Hunger und Niedergeschlagenheit, zum Beispiel. Denn traurige Augen mochte der Vater nicht; und genug zu essen hatten sie selten. Als er größer geworden war, durfte er den Geschwistern kein schlechtes Beispiel geben. Er mußte sie trösten, weil auch sie Hunger hatten, in diesem armseligen Haus in der Innenstadt von Palermo.
Aber darum ging es jetzt nicht. Angelo Mefisto, »Ehrenprälat seiner Heiligkeit« und deshalb zur Demut verpflichtet, saß in einem Fiat Croma vor dem Petersplatz, in der Mitte zwischen den Kolonnaden, und kämpfte gegen den Stolz. So sehr war er damit beschäftigt, daß er nicht einmal wahrnahm, wie die Glocke von Sankt Peter Mitternacht schlug.
Es war aber einfach großartig für ihn gewesen. Dieser Abend!
Wenn das die Seinen in Palermo wüssten ... Nein, er wollte nicht die Sünde des Hochmuts begehen. Doch er, der kleine Angelo aus Palermo, mit all diesen vornehmen Adligen zusammen ... Wenn diese nur nichts von seiner Vergangenheit erfuhren!
Etwa, daß er schon mit zwölf Jahren eine kleine Bande in Palermo geführt hatte. Daß er damals vielen Ladenbesitzern die Einnahmen stahl. Nicht mit Gewalt - das war dumm und brachte nur Prügel und Scherereien mit der Polizei. Statt dessen waren sie, Angelo lächelte bei der Erinnerung, zu sechst in ein kleines Geschäft getreten, zeigten ihr Geld, das wer weiß woher stammen mochte und mit dem sie vorgaben, wie dumme Jungs irgend etwas kaufen zu wollen. Und während der Inhaber geflissentlich mit der Aussicht auf Gewinn ihre Wünsche erfüllte, stahl einer aus der Kasse; der zweite erzählte mittlerweile die Geschichte vom reichen Onkel aus Amerika, Salvatore aus Chicago, der dem Neffen ganz spendabel soviel Geld zugesteckt hatte; der dritte und vierte nahmen den Kun17 den dann mit zarter langfingriger Hand etwas aus dem Portemonnaie, um Gottes willen nicht alles; der fünfte und sechste ließen aus dem Geschäft ein paar Waren mitgehen; und natürlich wurde das Gekaufte ordentlich bezahlt, am besten zu einem überhöhten Preis, das erschwerte dem Besitzer die Anzeige bei der Polizei. Außerdem wollte sich niemand lächerlich machen. Man durfte dieselbe Methode nie zu oft anwenden. Das erforderte freilich Nachdenken und Mühen um neue Wege, etwas, was offenbar die meisten Menschen scheuten. Angelo nicht.
Aber nun diese Einladung! Welch ein Unterschied zwischen damals und heute!
Der Monsignore schaute aus dem Auto. Seine beiden Erzbischöfe waren noch nicht zu sehen. Vor genau einem Monat, am 15. Oktober, hatte er den Brief erhalten. Angelo Mefisto zog ihn aus der Tasche, um sich seines Glückes zu vergewissern. Obwohl er ihn immer vorsichtig behandelt hatte, war das Papier ziemlich abgegriffen. Schon der Umschlag hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Mefisto schaltete im Auto das Licht an und betrachtete ihn noch einmal. Die Vorderseite war von einem schwarzen Rand umzogen wie bei einer Traueranzeige, doch nicht ganz, weil an jeder Seite dieser schwarze Streifen dreimal unterbrochen war, nämlich so, daß Schwarz und Weiß gleich lang waren, was graphisch ein verwirrendes Muster ergab. Man mochte es für den Einfall eines modernen Designers halten, dem traurigen schwarzen Rand eine lockere Note zu geben. Die Rückseite des Couverts war ganz weiß, scheinbar ohne Absender. Doch bei genauerem Hinsehen hatte Mefisto vier eingeprägte Zeichen entdeckt. An jeder Ecke der dreiseitigen Umschlagklappe fand sich eine Prägung, zwei davon waren leicht als Wappensymbole zu erkennen, ein Adler links oben und eine Säule rechts oben, und in der Mitte die Buchstaben »SR«.
Für den Monsignore war es nicht schwer, die Säule, die Colonna, zuzuteilen. Sie konnte Bezug nehmen auf die römische Adelsfamilie der Colonna, die der Kirche zwei Päpste gegeben hatte. An einen von den beiden erinnerte er sich auf Anhieb, Martin V. dessen Wahl in Konstanz im Jahr 1417 das Große Abendländische Schisma beendete. Den anderen Papst mußte er noch nachschlagen. Schwierig war es mit dem Adler, einem zu häufigen Wappentier, nicht nur bei Päpsten, auch bei römischen Familien und europäischen FürstenhaÅNusern. Die beiden Buchstaben »SR« konnten viel bedeuten das »R« in der Ewigen Stadt mit einiger Wahrscheinlichkeit »Roma« oder »Romanus «. Unter dem »SR« in der Mitte befand sich die vierte Prägung, eine stilisierte päpstliche Tiara, die dreifache Krone, die unter Paul VI. vor zwei Jahrzehnten vom Haupt der Päpste verschwunden war. Dem Prälaten fiel plötzlich die Frage ein, wohin wohl die Papstkronen aus den verschiedenen Zeiten in unterschiedlichen Größen gekommen seien. Ob sie vielleicht wieder auftauchen und gebraucht würden?
Als Angelo Mefisto den Umschlag öffnete und ein zweifach gefaltetes Papier, fast in Kartonstärke, in der Hand hielt, war ihm selbst jetzt noch, genauso wie vor einem Monat zuvor, so feierlich zumute, daß er sich erheben mußte und aus dem Auto stieg. Er blickte sich pflichtbewußt um, aber weder der eine noch der andere Erzbischof kam. Gleichviel. Der Monsignore hatte keine Eile. So konnte der Abend ausklingen. Er schaute wieder auf das Papier.
Auf dem ersten Teil fanden sich wieder Adler, Säule und »SR«, auf dem mittleren Teil der Karte las er - natürlich wußte er es auswendig:
Cardines urbis et orbis
commemorantes opus mirabile
gloriae Dei - magnitudini Romae
sanctitati Ecclesiae - saluti Humanitatis
dedicatum consumatum
generose tribuunt honores
»Die Angeln der Stadt und des Erdkreises«, so übersetzte Mefisto leise für sich, »im Gedenken an die wunderbare Tat, die der Ehre Gottes, der Größe Roms, der Heiligkeit der Kirche und dem Heil des Menschengeschlechts geweiht war und vollbracht wurde, erweisen große Ehre ...«
Es war Angelo Mefisto selbstverständlich erschienen, daß die Einladenden die Ehren vergaben. Gewöhnlich ging die Ehre von den Gästen aus. Mit einer Tiara im Hintergrund war das anders. Und die Säule deutete vornehmste Herkunft an. Außerdem hatte man ihn, das sah er sofort an den Worten Eccellentissimo Domino, schon eine Stufe höher in den Bischofsrang erhoben - »Seiner Exzellenz dem Herrn«. Es mußte schon ein Bischof sein, darunter ging diese Gesellschaft nicht, die, wie weiter angegeben war, sich am 15. November um 21 Uhr im Festsaal des Palazzo Colonna an der Piazza 12 Apostoli einfinden sollte. Dem Monsignore schien, daß er nun schon lange gewartet hatte. Dafür, daß die beiden hochwürdigsten Herren nur ein paar Schritte machen wollten, blieben sie lange aus. Doch ihm war noch immer feierlich zumute. Denn da stand schwarz auf weiß, in mittelalterlicher Mönchskalligraphie sein Name: Angelo Mefisto. Ihm, dem Sohn eines armseligen Gelegenheitsarbeiters aus Palermo, wurde die Ehre erwiesen - natürlich, so herum war es -, an jener Abendgesellschaft teilzunehmen, die Jahr für Jahr am 15. November im Palazzo Colonna zusammenkam und über die man im Vatikan mehr geheimnisvoll flüsterte als offen sprach. Er gehörte von jetzt an zu jenem Kreis der auserwählten Kurialen, die gewürdigt wurden, mit den erlesensten Vertretern des römischen Adels zusammenzusein. Der Prälat atmete tief ein vor Zufriedenheit.
Es war sicher die adligste Versammlung der Welt. Denn nicht wenige dieser Familien erhoben den Anspruch, sogar älter als das Papsttum zu sein, ihre Vorfahren bis in die Republikanische Zeit des Römischen Reiches vor Christi Geburt zurückverfolgen zu können, als noch keine Rede war von Imperatoren und Päpsten, als man nichts wußte von deutschen Königen, die zu Kaisern des Römischen Reiches zu erheben waren, durch römische Gunst, von der Römer Gnaden. Wenn Rom zu Recht Caput Mundi, Haupt der Welt, genannt wurde, dann waren hier die Häupter Roms versammelt. Und diese ließen sich herab, aus der Kurie, aus der Zentralverwaltung der katholischen Kirche, unter den Mitarbeitern des Papstes einige Würdige auszuwählen und an ihrem Ruhm teilnehmen zu lassen. Darunter ihn. Gewiß, Angelo war nüchtern genug, daran zu denken, daß die großen Namen der römischen Nobiltà, des Adels der Ewigen Stadt, nicht auf der Liste der reichsten und mächtigsten Männer oder Familien der Welt zu finden waren. Das machte nichts! Irdische Reichtümer sind vergänglich. Geld konnte man erwerben und wieder verlieren. Doch die Abstammung von Romulus und Remus, von Scipio und Cato, von den Caesaren und Ciceronen, den Juliern und Flaviern konnte man nie einbüssen, wenn man in männlicher Weise für die Vermehrung des Geschlechtes sorgte. Deshalb war es das größte Opfer jener Familien, der Kirche den einen oder anderen als Bischof, Kardinal oder Papst zur Verfügung zu stellen. Deshalb mußten sich die adligen Kirchenfürsten durch Nepotismus revanchieren; die Familienbande und sogar die Verpflichtung, in persona patris die fruchtbare Tradition weiterzuführen, galten mehr als Kirchenzucht. Ein wenig gehörte er nun auch dazu. Angelo Mefisto richtete sich zu voller, wenn auch eher bescheidener Größe auf. Wie wunderbar war doch diese seine Welt!
Schön und gut, dachte sich Angelo Mefisto plötzlich, nach offenbar unentschiedenem Kampf gegen den Stolz. Die Welt schien in Ordnung. Aber wo blieben seine Erzbischöfe? Sie wußten, wo er sie abgesetzt hatte. Vielleicht sollte er sie doch suchen gehen? Er schlug die Autotür zu, ohne abzuschließen. Er hatte nichts zu verbergen.
Martin Lumière fiel erst jetzt auf, daß sich keine Neugierigen zu ihm und dem Toten gesellten. Auch von den Autos, die in nur wenigen Metern Entfernung, wenn auch jenseits des Absperrgitters vorbeifuhren, hielt keines. Offenbar wollten sich die Römer von Unannehmlichkeiten fernhalten. Er rümpfte die Nase. Noch einmal legte er dem Mann im schwarzen Gewand die Hand aufs Herz. Nichts. Jeder Wiederbelebungsversuch erschien ihm zwecklos. Lumière konnte so etwas beurteilen.
Vielleicht ist es wahr, schoß es ihm durch den Kopf, daß der Mensch im Moment des Sterbens sein Leben vor sich ablaufen sieht. Psychologen und Theologen haben daraus bücherfüllende Theorien entwickelt, die Psychologie des Sterbens, die Theologie des Todes. Vielleicht ist es wahr, daß man dann in wenigen Augenblicken gleichsam eine Quintessenz seines Lebens erhält, mit dem Ergebnis Himmel, Hölle oder Fegefeuer oder gar nichts. Wenn dem so wäre, so hätte Martin Lumière etwas darum gegeben, den Lebensfilm dieses Mannes im schwarzen Talar mitansehen zu dürfen, der vor seinen Augen gestorben war.
Auf einmal wurde ihm bewußt, daß in seinem eigenen Kopf ein Film ablief. Es war ihm, als hätte er bei einer Videokamera den Knopf für die Schnellverschlußfunktion gedrückt, so daß das Aufnahmegerät mit erhöhter Geschwindigkeit und gesteigerter Sensibilität die Wirklichkeit einfangen und speichern würde und man den Film nur flink vor und zurück, zurück und vor abspielen müsste, ihn zwischendurch auch anhalten und mit einem Zoom Vergrößerungen erwirken könnte, um alles zu erfahren, was geschehen war. So ging es jetzt in seinem Gehirn zu. Und dieser Film betraf nicht nur die letzten Minuten und Sekunden, sondern er ging auch - seltsam - in die Zukunft, was zu tun sei. Weglaufen, so tun, als ob man nichts gehört und gesehen hätte. Zur Polizei, zur Botschaft, im Vatikan läuten? Den Papst informieren? Lächerlich. Oder wenigstens einen Bischoff Nicht weniger töricht. Wie ein wildgewordener Curser unprogrammiert über labyrinthische Bahnen in einem Computer fegt, so irrte sein Gedankenstrahl orientierungslos durch die vergangenen und kommenden Minuten, Wirklichkeit und Möglichkeit nicht auseinanderhaltend.
Nur mit dem Lasso der Vernunft, ermahnte sich Martin Lumière, konnte er die Ausbrüche seiner Phantasie einfangen. Als Deutscher verspürte er erleichtert die Pflicht, den Fall - denn um einen Fall handelte es sich zweifellos -, also diesen mysteriösen Tod - wenn nicht gar Mord, wie es ihm selbst im matten Licht der römischen Straßenlampen fast schon einleuchtete - in jedem Fall diesen Fall der Polizei anzuvertrauen. Unvergeßlich waren ihm die Worte des Sterbenden: »Er war es ... Immer er ...« Was gab es da viel zu deuteln! Schrei oder Knall oder gar Schrei und Knall hatten damit sofort ihre Erklärung gefunden. Carabinieri! hieß der Ordnungsruf. Die italienische Ordnungsmacht mußte in Aktion treten.
Aiuto, Hilfe zu schreien, kam ihm zwar auch in den Sinn, doch nicht über die Zunge. Erstens war offenbar schon geschrien worden, zweitens brauchte jener sie nicht mehr, und er konnte diese selbst holen. Also machte Lumière sich auf den Weg dorthin, wo er, rechts vom Petersplatz, an der Verbindungsmauer zwischen dem vatikanischen Palast und der Engelsburg, eine Travertintafel mit der Aufschrift Posto di Polizia, Polizeistation, gesehen hatte. Entweder würde die Wachstube noch offen sein oder davor ein Polizeiauto stehen, hoffte er.
Lumière legte sich die Worte zurecht: »Ho visto un morto. Ich habe einen Toten gesehen, einen Priester, genau auf der Grenze. « Letzteres schien ihm außerordentlich bedeutsam.
Vor der Station stand ein Alfa. Zwei Polizisten lehnten daran und führten ein offensichtlich wichtiges, aber entspanntes Gespräch. Aufgeregt sagte Lumière: »Ein Toter. Ein Priester. Genau auf der Grenze.«
Die beiden Hüter der Unverletzlichkeit der Grenzen in der Ewigen Stadt schauten sich an: »Ein Toter? Sind Sie sicher?
Waren es nicht vielleicht zwei?«
»Nein, einer. Aber so kommen Sie doch! Hier ...«
Martin Lumière wollte zum Beweis seiner redlichen Absicht die rechte Hand mit dem Blut vom Kopf des Fremden vorzeigen, besann sich jedoch, weniger aus Vorsicht, nicht den Verdacht auf sich selbst zu lenken, sondern weil er die beiden auch ohne ein so schlagendes Indiz aus ihrer Ruhe aufscheuchen wollte.
»Also gut«, meinte der eine, und der andere stimmte zu. »Ein kleiner Spaziergang tut uns gut, auch wenn er nicht der Mühe wert scheint. Also, wo soll es sein?«
Statt einer Antwort ging Lumière einfach los, und den beiden Uniformierten blieb nichts anderes übrig, als ihm, wenn auch kopfschüttelnd, zu folgen. Ein Herr in Zivil, der sich dem Auto genähert hatte, hellblaues Hemd und eine Krawatte, deren modisches Design Lumière selbst in der Eile auffiel, gab den beiden ein zustimmendes Zeichen.
»Und wer sind Sie?« wurde der eine nach einigen Schritten nun amtlich.
»Ich bin Deutscher, für einige Tage in Rom ...«
»Turismo?«
»Nicht direkt. Aber wenn Sie wollen, ja, Tourist. Doch das ist jetzt nicht wichtig. Selbstverständlich können Sie meine Ausweispapiere sehen. Allerdings habe ich sie nicht bei mir. Doch hier ist meine Visitenkarte. Natürlich, nur mit der deutschen Adresse. Ich wohne im Hotel Columbus, Zimmer 42, in der Via della Conciliazione.« Lumière beschleunigte seine Schritte. »Aber sehen Sie doch, bitte!« Das prego nahm vor Erbitterung über die Gleichgültigkeit der Polizisten einen scharfen deutschen Akzent an. »Sehen Sie doch!« Sein rechter Zeigefinger wies, wenige Meter vor den Kolonnaden, voraus auf den Boden.
Lumière hielt inne, denn er sah selbst dorthin, wo der Mann im Talar gelegen hatte. Die Stelle war leer. Lumière vergewisserte sich, ob es wirklich genau der Ort war, an dem er vorhin - eine Ewigkeit schien es her - den Mann gesehen hatte, den Mann mit den weit aufgerissenen Augen, den sich bewegenden Lippen - und dies Detail fiel ihm erst jetzt wieder ein - auffälligen Manschettenknöpfen. Er hätte sie zeichnen können: ein goldener Rhombus mit einem blauen Stein und darin ein kleiner Brillant. Ja, und einen Ring trug der Tote wohl auch. Der Platz war es. Holzgatter, Schutzstein, grauer Streifen, Ausgang der Kolonnaden. Doch die Stelle blieb leer.
»Na, dann ist ja alles in Ordnung«, riß ihn die Stimme des einen aus seiner Verwunderung.
Und der andere ergänzte: »Wo kein Toter, da ist auch kein Mord.« Und lachte dazu. »Sie können natürlich darauf bestehen, einen gesehen zu haben oder vielleicht auch zwei, gut, also einen, und eine offizielle Anzeige erstatten. Aber das muß nicht jetzt sein. Wir haben im Moment auch gerade keinen Stift dabei. Oder hast du einen?« fragte er seinen Kollegen. »Auch nicht. Also kommen Sie einfach morgen ins Polizeirevier oder zur Station der Carabinieri, wohin Sie wollen. Sie werden uns schon nicht durch die Lappen gehen. Hotel Columbus, Zimmer 42, nicht wahr?«
Damit ließen ihn die beiden stehen und gingen in Richtung des Alfa zurück.
Martin Lumière stand allein an jener Stelle - Gatter, Schutzstein, grauer Streifen, Ausgang der Kolonnaden, links, wenn man auf Sankt Peter blickt. Nicht nur Mörder kehren an den Ort der Untat zurück. Auch Zeugen tun das zuweilen - und sind dadurch schon in schlimmen Verdacht geraten. Aber weshalb blieb Lumière stehen? Wollte er dem Toten Gelegenheit geben, den Platz seines Hinscheidens wieder einzunehmen? In seinem Gedankenfilm konnte Martin diesen Kunstgriff anwenden, vor und zurück. Die Präzision, mit der die Bilder abliefen, bewiesen ihm, wenn es dessen bedurft hätte, daß nicht er sich geirrt hatte, sondern daß die Polizisten pflichtvergessen waren.
Lumière hielt sich für einen nüchternen Mann. Nüchtern wollte dabei besagen, daß er weder sich noch anderen etwas vormachte, es sei denn mit Absicht, was ihm jedoch selten ohne schlechtes Gewissen gelang. Er wußte, daß er mit diesem Verzicht nicht im Trend seines Berufes lag, der meist den Schein für bare Münze ausgab und den Glanz mehr liebte als das Solide. Er bildete sich auf diesen Nonkonformismus wenig ein. Es war kaum sein Verdienst.
Die Eltern hatten ihm ein kleines Vermögen hinterlassen, das er schon als Student mit mehr Glück als Verstand gemehrt hatte. Er konnte von den Erträgen leben, sogar in jenem Luxus, der einem modernen Menschen zur Pflicht gemacht ist.
Als er nach den ersten Jahren des Berufslebens ein finanzielles Fazit zog, erkannte er, daß regelmäßige Arbeit und monatliches Einkommen angesichts einer ihm durch Erziehung auferlegten Steuerehrlichkeit in keinem vernünftigen Verhältnis standen. Deshalb entschied er, sich von beidem, der regelmäßigen Arbeit in einem Büro und gesicherten dreizehneinhalb Monatsgehältern, zu trennen.
Kurze Zeit hatte er - »aus sozialer Verpflichtung«, wie einige seiner Freunde dies nannten, und unter dem Eindruck des daß mals, in den siebziger Jahren herrschenden Zeitgeistes - erwogen, seine Einkünfte aus dem Vermögen dadurch zu mindern, daß er es langsam verschenkte. Als er würdige Adressaten seiner hochherzigen Absicht suchte und immer mehr fand, wofür sein Kapital wiederum nicht ausreichte, folgerte er daraus, daß er zu wenig von der Welt und den Menschen verstehe. Er beschloß, mal dies und mal das zu studieren, vornehmlich Geisteswissenschaften, Geschichte vor allem und Sprachen, darunter Italienisch, wofür er jetzt in Rom besonders dankbar war, Philosophie und, Faust sei's geklagt, auch ein wenig Theologie.
Evangelische, weil er von Hause aus Protestant und nicht wenig stolz darauf war, doch auch ein bißchen katholische, des ökumenischen Geistes wegen. Von allem etwas. Vor allem jedoch wollte er sich in der Welt und unter den Menschen umsehen. So vergingen die Jahre. Seine Lebenserwartung verringerte sich, seine Erfahrungen wuchsen. Schließlich wunderte er sich beinahe über nichts und niemanden mehr. Das führte ihn keineswegs in Zynismus, in jenen lockeren, wie er oft Journalisten nachgesagt wird, obwohl er an den Menschen zweifelte. Unsinn. Um vor Menschenverachtung gefeit zu sein, genügte es Martin Lumière, als Historiker die freundlichen Seiten der Geschichte zu betrachten und als Mensch in den Spiegel zu blicken. Er mußte dann lachen und nahm alles nicht so ernst. Es bereitete ihm sogar immer mehr Spaß, weil er eine geheime Regie im Leben der Menschen besser zu verstehen meinte.
Frau und Kinder, die von selbst die Anforderungen an seine finanzielle Leistungsfähigkeit und den Lebensdruck erhöht hätten, hatten sich nicht eingestellt. Dem Ernstfall seines Schicksals war Lumière wohl noch nicht begegnet. Oder? Die Frage konnte ihn in tiefes Nachdenken stürzen, zum Beispiel gerade eben auf dem Petersplatz und auch jetzt wieder, da es an jener Stelle nichts mehr zu sehen gab. Es war wohl so. Nicht, weil er etwas gegen Frauen gehabt hätte! Im Gegenteil. Daß sich mit den Jahren der Wechsel bei seinen Freundinnen etwas verlangsamt hatte, sprach für und gegen nichts, außer für sein zunehmendes Alter. Oder war Beatrix, die Frau, von der er vor einigen Tagen ungern am Flughafen in Frankfurt Abschied genommen hatte, dieser Ernstfall? Auch diese Frage beschäftigte ihn, jetzt, vor dem vierzigsten Geburtstag häufig. Einmal hatte eine Freundin ihm gesagt, sie bemerke, daß er auch Männern gefalle, und fürchte, daß diese auch ihm gefallen könnten. Er hatte wenig darauf gegeben, jedenfalls teilte er diese Befürchtung nicht. Weiter hatte er nicht darüber nachgedacht und es angenommen, daß ihm die Natur ein, wie er es nannte, passables Aussehen, gegeben hatte: ein Meter vierundachtzig groß, dunkelblonde volle Haare, kräftig-schlank, sportlich, doch keinem Sport verschrieben. In seinem Paß stand natürlich: Keine besonderen Kennzeichen.
Er hätte selbstverständlich einige aufstellen können. Zum Beispiel: das eine Auge blaugrau, das andere graublau. Aber das war nur manchmal von Bedeutung.
Martin Lumière schüttelte den Kopf. Was sollte er anfangen, wenn kein Toter vorhanden war? Er konnte froh sein, daß ihn die Polizisten - nett, diese Italiener - nicht behelligt hatten. Er schaute seine rechte Hand an. Das Blut war natürlich trocken, aber vorhanden. Gedankenverloren ging er zu dem linken Brunnen des Platzes, feuchtete ein Papiertaschentuch an, säuberte die Hand und steckte das Taschentuch in das leere Plastiktütchen zurück, als Beweis, daß alles keine Einbildung war.
Dazu pfiff er, wie es seine schlechte Gewohnheit war, irgendeine Melodie. Nicht besonders genau. Nur er hätte sagen können, daß sie aus einem Streichquartett von Schubert stammte: Nr. 14, d-Moll, sollte es sein.
Martin Lumière schüttelte den Kopf, während er vom Brunnen zurückging. Wichtiger schien ihm nun, daß er mit seinem Auftrag vorankam. Obwohl er seit Jahren keiner regelmäßigen Arbeit nachging, arbeitete er regelmäßig. Statt Tag für Tag ins Büro zu gehen, was ihm weniger eingebracht hätte als dem Finanzamt - an diesem Punkt schien ihm zwischen der Pflicht des Staatsbürgers und dem Ehrgeiz eines begabten Mannes die Grenze gezogen -, hatte er eigene Projekte entwickelt. Für Zeitungen und Zeitschriften, Magazine und Illustrierte, auch für Rundfunk und Fernsehen führte er Recherchen aus, schrieb Artikel, bereitete Sendungen und Filme vor oder gestaltete sie zuweilen auch selbst. Für diese aufwendige Arbeit hatten gewöhnliche, in tägliche Regelarbeit eingespannte Journalisten keine Zeit, oder sie war den Redaktionen zu teuer. Dadurch hatte er sich mit den Jahren einen Namen als Publizist erworben, ohne den Neid der fest eingestellten Redakteure zu erregen und vor allem nicht die Mißgunst jener, die von ihrem Beruf leben mußten.
In seiner Freiheit von abhängiger Lohnarbeit sah Lumière ein unverdientes Privileg, mit dem er wenigstens nicht andere ärgern wollte. Er nahm niemandem etwas weg, suchte sich stets Lücken und Nischen aus. Weil er gründlich war und er seine Studien nicht nur zum Zeitvertreib absolviert hatte, brachte er es außer zu Ansehen auch zur Deckung seiner Lebenskosten. Vor zwei Wochen hatte ihn der Chefredakteur einer Berliner Wochenzeitschrift angerufen und ihm ein Thema vorgeschlagen.
Er wünsche sich, so Heribert C. Klein - das C stand für Cicero, manchmal auch für Cato, den mit dem Ceterum censeo, weil Klein seine Konferenzen immer mit den Worten begann: »Ceterum censeo, im übrigen meine ich, daß uns nichts über die Wahrheit geht«, womit er stets für entspanntes Schmunzeln sorgte - er wolle, so der Chefredakteur zu Martin Lumière, einen Artikel, vielleicht eine kleine Serie, eine »runde Sache« jedenfalls, über Rom und den Mittleren Osten, in der »alles drin sein« müsse.
Kirche, Islam und Judentum, Papst und Kardinäle, Ayatollahs, Rabbiner und Patriarchen, Kreuzzüge und Judenverfolgungen, »ja meinetwegen auch das Hochhuth-Syndrom«, also die Frage, ob Papst Pius XII. im Zweiten Weltkrieg etwas gegen die Vernichtung der Juden durch die Deutschen hätte unternehmen können - was unterlassen zu haben, ihm der deutsche Schriftsteller Rolf Hochhuth in einem Theaterstück vorwarf. Er dürfe Geheimes und Bekanntes aufs Tapet bringen, besser natürlich mehr Geheimes als Bekanntes; ja, ja, auch, ob der Heilige Stuhl und der Staat Israel diplomatische Beziehungen aufnehmen würden. Die Heilige Stadt Jerusalem und die Palästinenserfrage, auch recht. Große Striche, bitte, und nicht zu klein gedacht.
Wenn er sonst noch etwas im Vatikan finde, so Heribert C., Agenten und Aktionäre, Fanatiker und Frauen, Verstecke und Verliese, so solle er sich das für ein andermal notieren. Denn er, Klein, werde ihm ein Empfehlungsschreiben des im Vatikan geschätzten Erzbischofs Joseph F., F wie Fürchtegott, Heidenspaß - er hieß nun mal so - besorgen. Damit werde er in Rom Einlaß finden und die Skepsis im Vatikan allem fremden Wissensdurst gegenüber zunächst überwinden. Alles klar?
Lumière hatte zögernd »Ja« gesagt, obwohl ihm wenig klar war. Er war schon viel herumgekommen in der Welt, doch bis in den Vatikan hatte er es beruflich noch nicht gebracht. Aber das gänzlich unbekannte Terrain der römischen Kirche lockte, und so hatte er angenommen, vor allem das Empfehlungsschreiben, ein kostbarer Passepartout, wie sich herausstellte. Nun war er im Vatikan gewesen, und jetzt - Martin Lumière war zu jener Stelle zurückgegangen, um noch einmal zu schauen, vielleicht ... - jetzt stand er auf der Grenze zu Italien. Bisher hatte er mehr Material zusammengetragen, als er verwenden konnte.
Dennoch war er unzufrieden. Immer, wenn er in den letzten Tagen meinte, etwas gepackt zu haben, verflüchtigte es sich sofort. So wie dieser Tote, den er hier auf dem Boden selbst gesehen, mit der eigenen Hand berührt hatte. Er konnte doch diese Sache niemandem erzählen, geschweige denn schreiben. Vielleicht, daß in der Zwischenzeit der Herr Jesus Christus über den Platz gekommen sei und wie in der Bibel dem Toten zugerufen habe: »Steh auf und wandle.« Man würde ihn in Berlin verspotten. Vielleicht war es das Beste, das Ganze zu vergessen und ins Bett zu gehen.