Leseprobe aus Bubenzer, Henry N. Brown

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Ich bin
Ich erblickte das Licht der Welt, als Alice Sheridan mir das zweite Auge annähte. Das war in Bath, am Samstag, den 16. Juli 1921, kurz vor dem Fünf-Uhr-Tee. Sie wollte mit mir fertig sein, bevor ihre Freundin Elizabeth mit dem Kuchen kam. »So«, sagte Alice und hielt mich am ausgestreckten Arm von sich, »das hätten wir. Hübsch siehst du aus.«
Ich schaute aus der luftigen Höhe von ungefähr einem Meter dreißig hinunter auf eine Frau Mitte zwanzig, die in einem großen braunen Ledersessel saß, den Blick prüfend auf mich gerichtet. Sie hatte dunkelblondes Haar, sehr grüne Augen und einen großen roten Mund. Ich sah sie an, und mir wurde ganz schwindelig. Sie war schön, und ich konnte mit eigenen Augen sehen, wie sich ihr Haar in Wellen um ihr Gesicht legte, wie sich beim Sprechen um ihre Mundwinkel kleine Furchen zeigten, wie es in ihren Augen blitzte. Ich konnte sehen! Und aus dem roten Mund waren in ihrer warmen Altstimme die Worte gekommen, die ich soeben vernommen hatte. Meine Sinne waren zum Leben erweckt.
Ich hörte. Ich sah. Ich war.
Alice setzte mich auf ihrem Schoß zurecht, strich mir über den Kopf und ihre Augen wanderten aus dem Fenster. »William hätte dich gemocht, weißt du. Da bin ich mir ganz sicher«, sagte sie dann mit leiser Stimme und schien mich in derselben Sekunde vergessen zu haben. Sie umfasste mich von hinten fest und sicher, wie man einen Säugling hält. Und während ich zum ersten Mal mein neues Zuhause sah, verlor sich ihr Blick im Grau vor dem Fenster.
Es ist dieser Moment, diese Umarmung, die mir als erste deutliche Erinnerung geblieben ist: Alices warme Hand auf meinem Bauch und die Ruhe und Vertrautheit, die in dieser Geste lagen. Doch wie prägend diese Sekunden waren, ging mir erst viel, viel später auf.
Ich war in jenem Augenblick so aufgeregt und so sehr damit beschäftigt, meine Umgebung wahrzunehmen, dass es mich nicht einmal störte, dass Alice mit ihren Gedanken ganz woanders war. Überwältigt von den Eindrücken, die auf mich einstürzten, saß ich da: Bilder, Geräusche, Gerüche - ich war wie berauscht. Es war herrlich, auf der Welt zu sein!
Ich sah alles: Alices Finger waren schmal und fein, das Leder des Sessels hingegen rissig und spröde. Im Schein der Lampe tanzte leicht der Staub. Eine kleine Spinne saß über der Tür, und auf dem Tisch war eine Nadel liegen geblieben. Es war faszinierend.
Als ich einige Jahre später in New York einmal die Gelegenheit bekam, durch die Lupe von Grandpa Greg zu sehen, musste ich an diese ersten Minuten meines Lebens denken:
Durch das Vergrößerungsglas wurde jedes Detail überdimensional groß, und Dinge, die man sonst nicht einmal wahrnahm, wurden plötzlich klar erkennbar. So ähnlich sah ich die Welt an meinem ersten Tag: scharf und deutlich und ungemein vielfältig. Alice Sheridans kleine englische Stadthauswohnung war Terra incognita - und ich war gekommen, sie zu entdecken.
Meine Geburtsstube war der Salon. Die beigefarbenen Seidentapeten waren mit weißen Blumenornamenten übersät und sahen freundlich, wenngleich auch schon zu dieser Zeit ein wenig altmodisch aus. Ein Bücherschrank aus dunklem Holz stand an der Wand, und die bunten Buchrücken brachten ein wenig Farbe herein.
In der Mitte des Raumes stand eine Recamière aus rotem Samt, davor ein niedriger Tisch, und unter einer Stehlampe in der Ecke thronte ein riesiger brauner Ledersessel - das Pendant zu dem Sessel am Fenster, in dem wir jetzt saßen und noch oft sitzen würden. Neben uns stand ein großer Korb, aus dem allerhand Stoffreste, Garnrollen, Knöpfe und andere Näh-Utensilien unordentlich hervorquollen. Es war der Korb, dem ich entstiegen sein musste - ich erkannte einen Stoff, der meinem Fell ziemlich ähnlich sah, und begann gerade, mich zu fragen, woher genau ich eigentlich kam, da schreckte Alice aus ihren Träumen auf. Sie fuhr hoch, schüttelte kurz den Kopf, wie um die Gedanken zu vertreiben, die sie für einen Augenblick lang gefangen gehalten hatten, und sagte:
»Herrje, hier sitze ich und träume, dabei steht sicher jeden Moment Elizabeth vor der Tür.« Sie sah mich an. »Fehlt nur noch ein passender Name für dich.«
Ihr Blick schweifte nach links, nachdenklich, aber hellwach, und ihre Stimme klang fast fröhlich, als sie ausrief: »Wir nennen dich Henry. Du siehst aus wie ein richtiger Henry. Henrys haben eine positive Ausstrahlung, weißt du? Und schön braun bist du. Also, Henry Brown, sei ein anständiger Bär, verstanden?«
Wie leicht sie es dahinsagte! Als würde sie jeden Tag Teddybären mit Namen versehen. Doch für mich war dies ein erhebender Moment. Denn eines weiß ich genau: Namen sucht man sich nicht aus. Sie kommen zu einem, passen zu einem und sind ein Leben lang die einzige Beschreibung, die auf einen zutrifft. Ich hieß nicht einfach irgendwann einmal Henry Brown. Ich bin bis heute Henry Brown, schlicht und ergreifend - auch wenn ich später noch viele andere Namen bekam (von denen ich manch einen lieber dem Vergessen anheimwünsche). Henry Brown, that's me.
Nicht besonders aufregend auf den ersten Blick, aber doch ein Name mit Zukunft, das ist wohl nicht zu bestreiten. Ich führte den Namen Brown bereits zu einem Zeitpunkt, als weder der Zeichner noch die Idee eines gewissen »Charlie« überhaupt geboren waren, und auch James, Gordon, Rita Mae, Dan und wie die anderen berühmten Browns alle heißen, kamen nach mir, doch das nur am Rande.
Ich ließ mir die beiden Worte auf der Zunge zergehen. Henry Brown. Das war mein Name, und ich war hochzufrieden mit ihm. Ich weiß, es gibt da noch dieses »N.«. Das war nicht von Anfang an da, und ich persönlich finde es noch immer völlig überflüssig. Dieses sperrige Faktum drängelte sich im Laufe des Nachmittags zwischen Vor- und Nachnamen, sozusagen als ewiges Mahnmal meiner ersten Demütigung. Überhaupt lief an meinem ersten Tag nicht alles reibungslos ...
Alice gab mir einen Klaps auf den Rücken, nahm mich hoch und stemmte sich aus dem Sessel.
»Jetzt muss ich mich aber sputen und das Teewasser aufsetzen «, rief sie aus und verschwand aus meinem Blickfeld. Ich blieb allein auf der Fensterbank zurück. Kühle Luft zog über meine noch frischen Ohren. Ich lehnte mit der Wange an die Scheibe gedrückt, meine Augen klickerten gegen das Glas, und ich spähte in die neue Welt. Fahles Licht fiel ins Zimmer, es war das Zwielicht regnerischer Nachmittage. Mir gefiel das. Bis heute habe ich nichts gegen Regen. Ich kann auch nicht verstehen, warum die Leute nie müde werden, sich daruber zu beklagen. Der Regen treibt die Menschen nach Hause ins Warme. Soweit ich mich erinnere, fielen den Kindern die schönsten Spiele immer an Regentagen ein - mit Ausnahme von Robert, der hatte bei jedem Wetter neue Ideen.
Ich kann nicht sagen, wie viel Zeit verging. Es mögen Minuten oder Stunden gewesen sein, die ich damit verbrachte, Menschen, Automobile und Busse, Pferdefuhrwerke und Regentropfen zu betrachten. Der kleine Erker im Erdgeschoss war der Manvers Street zugewandt und hatte freien Blick auf das Stadtgeschehen von Bath. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus und war erfüllt von einem unbändigen Drang nach Leben. Es klingelte ungeduldig.
»Himmel, das ist Elizabeth, und ich bin noch nicht einmal frisiert«, hörte ich Alice rufen, obwohl ich sie nicht sah, und ich fragte mich, mit wem sie sprach.[...]

[...] Eines Morgens kam Alice in die Stube und heizte den Ofen an. Sie zog sich den Morgenmantel fest um die Schultern und schüttete Kohlen ins Feuer. Es war merklich kühler geworden. An meinem Platz am Fenster zog es, und die Scheibe war jetzt morgens immer eiskalt.
»Scheint so, als wäre der Winter jetzt endgültig da«, sagte Alice und kehrte die Asche vor dem Ofen zusammen. »Es ist ja auch nicht mehr lange bis Weihnachten.«
Sie hasste Weihnachten, das hatte sie in einem Gespräch mit Elizabeth erwähnt, die, wie sich herausstellte, alle vierzehn Tage zum Tee kam, um Neuigkeiten auszuplaudern.
»Mir graut es so vor den Feiertagen«, hatte Alice ihrer Freundin anvertraut. »All diese Feierlichkeiten bedeuten mir nichts.« Ich wusste nicht, was es mit Weihnachten auf sich hatte. Doch wenn es Alice davor graute, konnte es kein Spaß sein. Elizabeth war jedoch wieder einmal anderer Meinung: »Komm schon, Alice, sei keine Spielverderberin. Milton gibt eine herrliche Gesellschaft, dann kommst du auch unter Leute. Es gibt Plumpudding. Und sicher findest du in diesem Jahr den Penny.«
»Ich weiß nicht recht, Liz. Ich bin doch nur ein Trauerkloß. So jemanden will Milton sicher nicht auf seiner Party haben.« »Doch, Milton hat es ausdrücklich gewünscht. ›Lizzy‹, hat er gesagt, ›du musst deine reizende Freundin Alice mitbringen. Sie ist eine Zierde für jede Gesellschaft.‹ Er mag dich sehr, weißt du«, erklärte sie mit einem viel sagenden Blick. Alice lächelte.
»Ich habe einen Brief von Patricia bekommen. Sie lädt mich über die Feiertage nach London ein. Es sieht bedauerlicherweise so aus, als müsste ich Miltons Einladung ausschlagen«, sagte Alice.
»Aber das ist doch entzückend, Liebes. Wie reizend von deiner Schwester. Und ein paar Tage London haben noch niemandem geschadet.« Elizabeth lachte fröhlich - man kann ihr viel vorwerfen, aber missgünstig war sie nicht. »Ach, es ist mir so unangenehm. Sie wollen mir sogar die Fahrt bezahlen ...«
»Du wirst einige herrliche Tage verleben. Und sicher lernst du in der Bahn wieder interessante Leute kennen. Vielleicht einen echten Henry diesmal«, sagte sie mit einem Seitenblick auf mich, der nicht misszuverstehen war.
Elisabeth und ich würden nie Freunde werden, das stand fest. Doch sie kümmerte sich um Alice, daher konnte ich ihre plappernde Anwesenheit grossmütig tolerieren.
Alice überhöhrte den Kommentar und sagte:
»Ja, ich denke, ich werde die Einladung annehmen. Es ist doch angenehmer, Weihnachten bei der Familie zu sein.« Warum beschäftigte dieses sogenannte Weihnachten die Menschen so sehr, dass allerorten gefeiert wurde? Ich hoffte, Alice würde mir bald mehr darüber erzählen. Doch ich erfuhr nicht viel mehr als das, was ich bereits wusste.
»Dieses dumme Fest«, sagte sie später zu mir. »Wie kann ich denn allein ein Fest der Liebe feiern?«
Ich fand, dass es sich gar nicht so schlecht anhörte, ein Fest der Liebe zu feiern - nach allem, was ich inzwischen von der Liebe wusste, könnte es doch eine schöne Angelegenheit sein, wenn Leute, die einander zugetan waren, zusammenkamen und feierten, dass sie sich mochten.
Hegt man als Jungbär nicht alberne Vorstellungen? Wie unterschiedlich dieses Fest begangen werden kann, ahnte ich damals wahrlich nicht. Ich erinnere mich an spätere Weih- nachtsfeste, die mehr mit Krieg als mit Liebe zu tun hatten - ob es nun ein Krieg mit fliegenden Bomben oder fliegenden Tellern war [...]


[...] Es war der 24. Dezember, viele Leute kamen an und einige reisten ab, ganz England schien auf den Beinen zu sein. Grüsse und gute Wünsche klangen durch die Luft: »Fröhliche Weihnachten « oder »Ein frohes Fest wünsche ich. Empfehlungen an Ihren Gemahl.«
Ich mochte die Stimmung, es schien doch etwas dran zu sein, an meiner Vorstellung vom Fest der Liebe, die Menschen waren heiter und freundlich.
»Alice«, hörte ich plötzlich eine tiefe Stimme rufen. Alice hatte es ebenfalls gehört, fast erschrocken drehte sie sich um. Vor uns stand ein groß gewachsener Mann. Er war schlank und sportlich. Sein dunkelblondes Haar war etwas länger, als es modern war, und fiel wild in seine hohe Stirn. Darunter schauten ein Paar wache Augen hervor. Er trug ein dunkles Tweedjacket und hatte einen weißen Schal um den Hals geschlungen. Auf seinem Kopf saß eine braune Schiebermütze.
»Oh, Milton, hallo«, sagte Alice verlegen.
»Sie fahren nach London, habe ich vernommen?«
»Ja«, antwortete sie schüchtern und schaute zu ihrem Gegenüber auf. »Meine Schwester Patricia war so freundlich, mich einzuladen.«
»Ich hätte mich ebenfalls sehr gefreut, wenn Sie morgen mein Gast gewesen wären«, erwiderte er mit einem breiten Lächeln. In seinen braunen Augen blitzte der Schalk. Ich mochte ihn auf Anhieb. Und er mochte Alice, das war nicht zu übersehen. »Danke, es war sehr nett von Ihnen, mich einzuladen. Aber, es tut mir leid ...«
»Sie müssen sich nicht entschuldigen. Ich verstehe, dass Sie lieber bei Ihrer Familie sind. Aber Sie müssen mir versprechen, dass wir uns nicht erst zur nächsten Gartengesellschaft in Conward House wiedersehen.«
Alice errötete und wechselte das Thema.
»Was tun Sie hier am Bahnhof?«
»Ich wollte Ihnen den Koffer zum Bahnsteig tragen.«
»Sie nehmen mich auf den Arm!«
»Nicht doch, da nehme ich lieber Ihren Koffer. Kommen Sie, ich helfe Ihnen. Und wenn es sich nicht vermeiden lässt, hole ich nebenbei meine kleine Schwester ab. Sie kommt aus Brighton.«
Alice lachte auf. Milton schob sich die Mütze in den Nacken und griff nach Alices Koffer und der Hutschachtel. Den Beutel, in dem ich saß, hielt sie fest in der Hand.
»Sieh einer an«, sagte er. »Sie reisen in Begleitung?«
Alice schaute ihn verwundert an. »Nein«, sagte sie. »Wie kommen Sie darauf? Ich reise allein.«
»Und wer ist das?«, fragte er und zog mich sanft am Ohr.
He!
Wieder schlich sich ein zarter Rotton auf Alices Gesicht.
»Ach, das ist Henry. Für die Kinder, Sie wissen schon. Man kann ja nicht ohne Geschenk kommen.«
Für die Kinder? Was soll das heißen? Du willst mich doch nicht fortgeben?
Ich war ehrlich erschrocken. Der Gedanke, einmal bei jemand anderem als bei Alice zu sein, war mir noch nie gekommen. »Die werden sich über so einen schönen Teddy sicher besonders freuen«, sagte er. »Von einem solchen Freund hat doch jeder von uns als Kind geträumt.«
Nicht nur als Kind. Ich bin Alices bester Freund. Wir teilen alles. »Ja, ist es nicht ein Jammer, dass wir zu alt dafür sind?«, versuchte Alice zu scherzen.
Ich verstand die Welt nicht mehr. Was war denn mit ihr los?
Wieso tat sie so, als wären wir nur entfernte Bekannte, als wäre ich nichts weiter als ein Kinderspielzeug? Nach allem, was ich für sie getan hatte! Es ist schwer, das einzugestehen, aber dieses Verhalten habe ich später noch oft erlebt. In ihrem Herzen sind alle Erwachsenen Kinder, das weiß ich genau. Die einen mehr, die anderen weniger deutlich. Aber kaum einer steht dazu. Fragen Sie mich nicht, warum.
»Ich würde ihn behalten«, sagte Milton freundlich.
»Ich muss los«, sagte Alice schnell. »Der Zug wartet nicht.«
Milton nickte und ging mit dem Gepäck voran.
Auf dem Bahnsteig herrschte dichtes Gedränge. Die aussteigenden Menschen reichten Taschen durch die Fenster hinaus, Kofferträger in Uniform versuchten sich ihren Weg zu bahnen und ein weihnachtliches Trinkgeld zu kassieren. Dicker weißer Rauch hüllte die monströse Lokomotive und den Bahnsteig ein. Alice stieg hinter Milton ein, mich fest vor der Brust, und Milton suchte ein Abteil für uns.
»Hier ist es gut. Wenn Sie auf der linken Seite sitzen, können Sie den Avon länger sehen.«
»Danke, Milton«, sagte Alice, »das ist überaus freundlich von Ihnen.«
»Ich wünsche Ihnen ein frohes Fest, Alice«, sagte er mit leiser Stimme. »Und vergessen Sie nicht, was Sie versprochen haben«, fügte er mit einem offenherzigen Lächeln hinzu. »Sie kommen mich besuchen.«
»Auf Wiedersehen«, erwiderte Alice. »Und gesegnete Weihnachten.«
»Auf bald.«
Er wandte sich zum Gehen. Dann sagte er zu mir: »Und du pass gut auf die Dame auf. London ist ein gefährliches Pflaster.«
Er rollte mit den Augen.
Alice lachte und schob ihn aus dem Abteil.
»Vergessen Sie Ihre Schwester nicht!«
Theatralisch schlug er die Hände vors Gesicht. »Ja, richtig, die Schwester aus Brighton. Mir fällt gerade ein, dass sie doch erst morgen kommt.«
Mit diesen Worten verließ er den Zug, von draußen winkte er noch einmal und dann verschwand er in der Menge. Alice sah ihm kopfschüttelnd nach.
Es machte nicht den Anschein, als hätte Miltons sichtliches Bemühen irgendeine Form der Rührung in ihr ausgelöst. In meiner Brust allerdings drückte es mich zum ersten Mal wehmütig, denn ich vermutete, dass der freundliche Milton für Alice niemals mehr sein würde als ein Freund.
Die Lok zischte und stampfte, ein greller Pfiff ertönte, dann gab es einen Ruck. Langsam und laut schnaufend setzte sich der Zug der Great Western Railway in Bewegung. Wir fuhren. Aus dem Fenster sah ich steinerne Brücken, die sich uber den Avon spannten. An den grosszügigen Häusern und Straßen war zu erkennen, dass hier einst das bunte Leben pulsiert hatte. Dies war eine Stadt, die vor gar nicht allzu langer Zeit noch Reiseziel zahlreicher Herren und Damen der Gesellschaft gewesen war, doch jetzt strahlte sie nur noch den Charme der Vergangenheit aus. Ich sah Bath. Zum ersten und zum letzen Mal.
Wir waren allein im Abteil.
»Schau, Henry«, sagte Alice, die jetzt wieder mit mir sprach und sich kein bisschen anmerken ließ, dass sie mich noch vor einer Viertelstunde schamvoll verleugnet hatte.
»Da hinten liegt Bath Abbey mit ihren zehn schönen Glocken. Dort haben wir geheiratet. Schade, man kann sie gar nicht richtig sehen. Aber da vorne, siehst du, das sind die Sydney Gardens, der schönste Park der Welt. Wenn die Sonne schien, sind Will und ich manchmal durch das Labyrinth gelaufen und haben Verstecken gespielt. Es waren herrliche Tage.« Und nach einem Moment des Schweigens fügte sie hinzu: »Ich vermisse ihn so.«
Es schien, als gebe es kaum einen Gedanken, der nicht auf irgendeinem Weg zu William führte. Oft kam es mir vor, als würde ich ihn kennen, so viel wusste ich über ihn. Alices Liebe war unbeschreiblich groß, und manchmal befürchtete ich, dass sie vor lauter Entbehrung irgendwann den Verstand verlieren würde.
Die Fahrt verging mit Lauschen auf den Rhythmus der Räder, die gleichmäßig über die Schwellen ratterten. Vor dem Fenster zog die Landschaft vorüber und verwandelte sich zu einem Farbenspiel aus Braun und Grün, einem Grün, das irgendwann wie aus sich selbst heraus zu leuchten begann, als die Sonne tief unter den dunklen Wolken hervorstrahlte. Es war ein schöner Tag, und nichts daran ließ auf das bevorstehende Drama schließen.