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Paolucci und ich saßen auf den abgetretenen Steinstufen, Brot und Prosciutto in der einen Hand, ein Glas Rotwein in der anderen - es war eine Stunde vor dem Mittagessen - und blickten durch die Zypressen über das Tal hinweg auf Montepulciano. Die Glocken des auf einem Hügel gelegenen Ortes schwangen im Glockenturm und füllten die mittägliche Landschaft mit ihrem Klang. Rosanna kam erhitzt aus dem Weinberg und stellte ihre Hacke kopfüber in einen Eimer Wasser, um das Holz vor Austrocknung zu schützen. Mit dem Ärmel wischte sie sich den Schweiß aus den Augen und ging in die Küche, um das köchelnde Wildschwein in umido umzurühren. »Keine Sorge, Rosa«, sagte Paolucci. »Wenn ich erst mal im Lotto gewonnen habe, wird alles besser.« »Kriege ich dann einen neuen Stiel für die Hacke?« stichelte Rosanna.
»Dann ist Schluss mit Hacken!« antwortete Paolucci. »Kein Hacken, kein Zurückschneiden, kein Anbinden der maledetti-Triebe. Keine Sorgen mehr vor Mehltau und anderen Pilzen, vor Überschwemmungen und Dürren. Du lässt es einfach locker angehen, und ich trinke mehr Wein.«
»Noch mehr als jetzt schon?«, fragte Rosanna. »Dann musst du schon im Schlaf trinken.« Paolucci nahm einen Schluck und grummelte: »Ich bete zu Gott, dass es kein Leben nach dem Tod gibt, sonst nervt sie mich bis zum Ende aller Zeiten.«
Er füllte unsere Gläser nach. »Leg dir bloß nie einen Weinberg zu, Francesco«, sagte er. »Eine Frau solltest du dir auch nicht zulegen, aber dafür ist es ja zu spät. Aber es ist nicht zu spät, dir keinen Weinberg zuzulegen. Ein Weinberg ist wie ein Grab: Der Tote darin kann den Boden nie verlassen.« »Aber die soddisfazione?« fragte ich.
»Da hast du deine soddisfazione«, sagte er und hielt sein Glas hoch. »Von mir bekommst du so viel soddisfazione, wie du nur trinken kannst. Warum solltest du dir das Leben versauen?« Aber er predigte tauben Ohren.
Als ich nach dem Mittagessen nach Hause ging, träumte ich nur von einem: eigenen Reben.
Unser Haus lag unter einem Höhenrücken, einen halben Kilometer staubige Straße von Paolucci entfernt. Es hieß La Marinaia, Die Frau des Matrosen - woher es hundert Kilometer vom Meer entfernt diesen Namen hatte, wissen die Götter. Die Nachbarn jedenfalls wussten es nicht, was ihnen aber auch keine schlaflosen Nächte bereitete. Ein paar Jahre zuvor war das Haus renoviert worden; mit schweren Deckenbalken aus Eiche und Böden aus handgemachten Terrakottafliesen. Im Erdgeschoss, dem umgebauten ehemaligen Stall, ging es durch eine lange Diele mit reichlich Platz für Bücher einige Stufen hinunter zur Speisekammer. Gegenüber lag die Küche mit einem offenen Kamin und Glastüren zum Garten. Im Speisesaal hätte man Staatsbankette ausrichten können, der Wohnzimmerkamin war groß genug, um die Dorf-Sau darin zu braten. Im ersten Stock lagen drei Schlafzimmer mit einem Blick auf Montepulciano, der jeder Operninszenierung Ehre machen würde.
Den Garten um das Haus hatte der Vorbesitzer mit herkulischen Anstrengungen hergerichtet. Der Grund um Montepulciano besteht vornehmlich aus Lehm, so dass Humus für die Zypressen, den Lorbeer, den Lavendel und den Rosmarin erst mühsam herbeigeschafft werden musste. Der Vorbesitzer, ein Banker, hatte gewitzt einen Walnusshain gepflanzt, dessen Holz er nach zwanzig Jahren teuer zu verkaufen plante. Doch in dem harten Lehm kümmerten die Bäume vor sich hin - als der Vorbesitzer starb, hätte man nicht einmal Zahnstocher aus ihnen machen können. Das Haus stand in einem Ozean aus Feldern und Weinbergen, doch uns gehörten nur achttausend Quadratmeter. Es war also nur Platz für das Allernötigste: fünfzig mannshohe Olivenbäume. Ich würde also Land kaufen müssen, wenn ich meinen eigenen Wein machen wollte.
Ich ging an Paoluccis Reben entlang, vorbei am schilfbestandenen Teich, in dem Enten brüteten, und weiter durch den Talosa-Weinberg, der fast bis an unser Haus reichte. Ein großmäuliger Römer verwaltete ihn und hatte mit seinen miesen Methoden im Lauf der Jahre so ziemlich jeden Nachbarn übervorteilt; einmal hörte ich, wie der Banker von der anderen Seite des Bachs ihm nachrief: »Du hast Glück, dass wir nicht in Sizilien sind. Dort wärst du schon längst tot!« Ich starrte auf die Rebzeilen, die sich den Hügel hinunter zogen. Auf den zugeschnittenen Ästen schwollen die jungen Sprossen, und der frisch gepflügte Boden wartete auf Regen. Ich träumte von einem eigenen Weinberg, in dem es zum Zeitpunkt der vendemmia, der Lese, vor Betriebsamkeit nur so knistern würde. Mittags würde die Arbeit für ein großes Festmahl an langen Tischen im Schatten unterbrochen. Danach ginge es lächelnd und ein wenig beschwipst in den Weinberg zurück, und die Scheren würden die grappoli nun doppelt so flott schneiden. Ich träumte von den Wochen im Keller, wenn die Gärung die Luft mit einem betäubend süssen Duft erfüllt, der einen bis in die sternenklare Nacht hinaus verfolgt. Ich träumte von langen Winterabenden, von vollen Eichenfässern, in denen der Wein ruhte und langsam reifte.
Und dann kam ich zu meiner liebsten Phantasie: dem Moment, wenn eine Flasche auf dem Tisch stehen und das Kerzenlicht widerspiegeln würde. Wenn unsere Gäste staunend das elegante Etikett unseres selbstgemachten Weines bewundern würden.
Der Weinberg von nebenan Toskaner können Römer nicht ausstehen. Nicht nur wegen der zwei Jahrtausende alten Fehde, über die D. H. Lawrence schrieb: »Die Etrusker waren ... das Volk, das die Römer, auf ihre übliche gutnachbarliche Manier, völlig ausrotteten. Sie vernichteten die etruskische Existenz als Volk und Nation ... das unvermeidliche Ergebnis jener Expansion mit einem recht großen E ..., das für Leute wie die Römer die einzige Daseinsberechtigung darstellt.«
Auch nicht nur, weil im Mittelalter Armeen von samtgekleideten Päpsten übermässig viel Zeit auf den Versuch verwendeten, die Toskana zu unterwerfen. Ganz im Gegenteil schätzen die Toskaner den herausragenden Beitrag des römischen Katholizismus zu ihrer Kultur: la bestemmia, das Fluchen. Zum Fluchen braucht man naturgegeben Päpste, Heilige, Pfarrer und vor allem die Madonna, mit Schweinen, Hunden, Wölfen, Schlangen und anderem Getier in einfallsreichen Gebilden vereinigt, die jeden Brezenschlinger stolz machen würden.
Aber leiden können die Toskaner die Römer deswegen noch lange nicht. In der Toskana legt man höchsten Wert auf Aufrichtigkeit. »Le parole sono d'oro«, heißt es dort, Worte sind Gold wert. Doch die Toskaner fanden durch bittere Erfahrung heraus, dass Römer nur zu oft verlogene, schamlose Ganoven sind.
Und ich versuchte, dem Schamlosesten von allen den Weinberg neben unserem Haus abzukaufen. In den meisten Ländern ist es keine große Sache, einen Weinberg anzulegen: Man geht in den Garten, drückt ein paar Stecklinge in den Boden, und fertig. Nicht so in der Toskana. Dieses Gebiet unterliegt einer strengen Kontrolle; wer eine Wiese oder einen Acker in einen Weinberg umwandeln will, muss ein bürokratisches Minenfeld durchlaufen. Am strengsten sind die Kontrollen in den DOCG-Regionen (Denominazione di Origine Controllata e Garantita) des Chianti Classico, des Vino Nobile di Montepulciano und des in aller Welt begehrten Brunello di Montalcino, der 2006 vom Wine Spectator zum »Wein des Jahres« gewählt worden war. Die Trauben für DOCG-Weine müssen innerhalb der Zone in genau gesteckten Grenzen wachsen; wenn man nur die Straße oder einen Graben überquert, ist man schon draußen. Die Erntemenge pro Hektar ist beschränkt und wird streng kontrolliert, ebenso wie die Produktionsmenge. Um Betrug zu verhindern, darf der Wein die Region nur abgefüllt und etikettiert verlassen. Das Betrugsdezernat, I Frodi, führt unangekündigte Kontrollen durch, bei denen der Winzer bis auf den letzten Weintropfen genau Rechenschaft ablegen muss. (Von den paar Kisten einmal abgesehen, die die Beamten als Bestechung mitnehmen.)
Die Grenze jeder Wiese, jedes Weinbergs, jedes Olivenhains und jedes Wäldchens wird im Kataster festgehalten - das etymologisch eng mit dem Wort Katastrophe verwandt ist. Den Grund dafür sieht man, wenn man sich die Landschaft betrachtet: In der ganzen Toskana gibt es keine gerade Linie. Wie und warum über die Jahrtausende hinweg diese gewundenen, verwinkelten Grenzen entstanden sind, übersteigt selbst die blühendste Phantasie. Klar, manchmal bilden Höhenzüge oder Bäche natürliche Grenzen, aber oft schlagen Grundstücksgrenzen wilde Haken, offenbar, um Bäumen oder Felsen auszuweichen. Vielleicht brütete zur Zeit der Grenzziehung ja eine Henne unter einem bestimmten Busch, oder eine Urgroßmutter hatte beim Gemeindepfarrer einen Stein im Brett.
Um nun aber ein Feld in einen Weinberg umwandeln zu dürfen, braucht man fast schon einen päpstlichen Erlass. Zuerst muss man Pflanzrechte kaufen. Diese bekommt man nur von Leuten, die ihre alten (und natürlich) im Kataster verzeichneten Reben herausgerissen haben. Vielleicht fragen Sie sich jetzt, warum irgendjemand so etwas tun sollte? Natürlich, um die Pflanzrechte zu verkaufen. Meistens sind diese Verkäufer aber Kleinbauern, die kaum mehr als Subsistenzwirtschaft betreiben und ein paar hundert Reben haben. Um Anbaurechte für ein paar tausend Quadratmeter zusammen zu bekommen, braucht man daher schon vier, fünf Bauern. Diese verkaufen wiederum nur schwarz, um Steuern zu sparen. Wie viele andere Dinge laufen auch diese Geschäfte in der Toskana über Mittelsmänner, die sicherstellen, dass sich Käufer und Verkäufer nie begegnen.
Nur so kann er beide gegeneinander ausspielen und selbst den größten Teil absahnen. In bar natürlich. Bei Geschäften dieser Art wechselt also durchaus einmal ein Koffer Bargeld den Besitzer. Weil all das schwarz passiert, gibt es natürlich keine Quittungen. Deswegen muss das Wort eines Toskaners auch Gold wert sein, sonst gäbe es ständig Mord und Totschlag. Und deshalb hätte ich nie versuchen sollen, mit einem Römer ins Geschäft zu kommen.
An einer Ecke unseres Grundstücks reichen die fremden Reben fast an unsere aus dem Hügel geschnittene Ziegel- Piazzetta. Dort verbrachten Candace, unser Sohn Peter und ich die meisten Sommerabende, am Marmortisch unter einer Weinlaube essend und trinkend. Auch an so manch heißem Sommernachmittag saß ich dort, starrte auf die Reben und träumte davon, sie eines Tages zu besitzen. Der Weinberg war mit gerade einmal zwölftausend Quadratmeter ziemlich klein, warf aber etwa achttausend Flaschen im Jahr ab, genug für eine eigene kleine Kellerei. Mich trieb übrigens keine Gier oder romantische Schwärmerei an, sondern der Umstand, dass ich als Schriftsteller keine Pension bekomme. Noch war ich zwar in meinen Vierzigern, aber die Vorstellung, einmal von den Erträgen eines Weinguts leben zu können, wenn ich zu alt zum Herumreisen sein würde, hatte etwas Beruhigendes.
Der Weinberg selbst war verkommen. Wie andere Flächen im Tal gehörte er einem römischen Konsortium. Die Teilhaber solcher Gesellschaften verstehen in der Regel nichts von Wein; deswegen stellen sie einen Verwalter an, der maximalen Profit herausschlagen soll. Ein solcher Betrieb kennt keine Rücksicht auf Landschaft oder Reben. In den Weinbergen der Konsortien wächst das Unkraut oft so lange ungestört, bis nur noch ein Flächenbombardement mit Unkrautvernichtungsmitteln hilft. Die jungen Triebe wachsen wild in alle Richtungen, unbeschnitten und überdüngt.
An ihnen hängen riesige Trauben, denen es aber weitgehend an Geschmack, Finesse und Duft mangelt. Die Stützpfähle sind oft schief oder gebrochen und der Boden wird entweder selten oder zur falschen Zeit gepflügt, weil die Eigentümer sich schlicht nicht um den Boden scheren.
Was für ein Kontrast zu den Weinbergen, die von Leuten besessen und bearbeitet werden, die sie lieben! Hier sehen die Reben eher wie Pflanzen in einem japanischen Ziergarten aus: die Triebe penibel zugeschnitten, das gierige Unkraut mit der Hacke oder einem mechanischen Pflug gejätet, der zwischen jeden einzelnen Stamm hineingreift - und Ewigkeiten braucht. Ein radikaler Rückschnitt im Sommer ist die Regel; an jedem Trieb wird nur eine Traube gelassen, in der sich der ganze Geschmack konzentriert. Der Weinberg über uns war wie eine alte, verlassene Ruine, die nur darauf wartete, mit Liebe und Zuwendung wieder zum Leben erweckt zu werden.
»Ich glaube, ich gebe ein Gebot für den Weinberg ab«, teilte ich Candace mit, die im Licht des späten Nachmittags las. Sie sah mich wie eine Mutter an, deren Sohn soeben verkündet hatte, er wolle die Jungfrau Maria sein. »Ist recht, Schatz«, seufzte sie. »Ich habe gehört, ein Hektar kostet so fünfundzwanzigtausend Dollar.« »Peanuts.«
»Wir könnten die Tiefgarage in einen Weinkeller umbauen.« »Warum nicht?« »Schau doch, Petrus hat auch nur ein paar Hektar, alles Lehmboden wie hier, und die Eigentümer sind verdammte Millionäre.« Sie seufzte nicht einmal.
Von ihrem Schweigen ermutigt, sprudelte ich freudig hervor: »Wie sollen wir es nennen?« Sie legte ihr Buch weg und nahm ihre Brille ab. »Wie wär's mit Château Wolkenkuckucksheim?« In der folgenden Nacht wälzte ich mich schlaflos.
Früh am nächsten Morgen trabte ich die Schotterstraße Richtung Montepulciano hinunter, um dort den römischen Verwalter des Gutes zu treffen. Als ich bei Paolucci vorbeikam, verlangsamte ich meinen Schritt und rief ihm zu, was ich vorhatte.
»Du willst Reben? Nimm meine!« rief er mir nach. »Ich will sie direkt am Haus«, lächelte ich. »Kein Problem! Ich schneide die Bastarde einfach mit der Motorsäge ab und bring sie dir mit der Schubkarre.«
Es war immer schön, einen Vorwand für einen Spaziergang in die Stadt zu haben. Ich wanderte die Schotterstraße zum Fuß des Hügels hinunter und stieg dann im Zickzack am Friedhof vorbei, an der wunderschönen Renaissancekirche San Biagio, dessen Mauern und Glockenturm aus blendend weißem Travertin sich scharf gegen den grünen Hügel abzeichneten.
Weiter und weiter ging es hinauf, hin zum massiven Stadtwall. Keuchend blickte ich auf das Land zurück, das weit unter mir wogte. Mittendrin, wie ein Schiff in einem grünen Meer, stand unser Haus, La Marinaia, ein wahr gewordener Traum. Alles war perfekt - bis auf den verdammten Weinberg, der direkt daneben so verführerisch lockte.
Talosas Weinkeller nahe am oberen Ortsrand erfüllten mich mit Neid. Vor tausenden Jahren hatten die Etrusker die Kavernen tief in den Sandsteinhügel gegraben. Hinter dem schmiedeeisernen Eingangstor zur Kellerei lagerten riesige Eichenfässer voller Wein in der nach Moschus riechenden Dunkelheit. Mit einem breiten Lächeln schob der Römer mir seinen noch breiteren Körper zur Begrüssung entgegen. Er klopfte mir auf die Schulter und redete so laut, als stünde ich auf der anderen Seite des Tals.
»Es heißt«, brüllte er, »du wolltest einen Weingarten kaufen.« Er verwaltete über vierzig Hektar Reben, die über das ganze Tal verteilt waren. Er zog eine alte Karte und einen Auszug aus dem Kataster hervor, überprüfte die Fläche und grinste.
»Ich habe genau das Richtige für dich! Mit dem Auto von dir aus keine zehn Minuten zu fahren. Westlage; die Trauben verbrennen dir also nicht. achttausend Quadratmeter nicht allzu steiler Hang. Der übliche Preis liegt bei fünfundzwanzigtausend Dollar pro Hektar, aber weil wir Freunde sind, gehe ich auf zweiundzwanzigtausendfünfhundert herunter.
Ich war völlig verblüfft. Wie hatte ich diesen netten Kerl nur für einen Ganoven halten können? Ich dankte ihm, teilte ihm aber mit, dass ich nur an dem Gelände neben unserem Haus interessiert sei, nicht zuletzt, weil wir uns ein wenig vor den Schwaden von Unkrautvernichtungsmitteln fürchteten, die er so ausbrachte. Ich hingegen plante einen biologischen Anbau. Er lächelte. Und ich sah direkt, wie ihm das Wasser im Munde zusammenlief.
»Ich kann mich gut in Ihre Lage versetzen«, sagte er. »Ich mag das Giftzeug auch nicht, aber die Eigentümer, Sie wissen ... ich muss auch leben.«
»Das Gelände ist ein wenig vernachlässigt«, meinte ich. »Man muss die Pfähle und einige Stöcke ersetzen. Die Gräben müssen auch neu gezogen werden. Aber ich glaube, mit ein bisschen Arbeit kann ich ...«
»Gewiss doch!« antwortete er lächelnd. »Aber mal ganz ehrlich: Die Stöcke sind alt. In zehn Jahren muss neu gepflanzt werden. Darum mach ich Ihnen einen Sonderpreis.« Ich musste mich zurückhalten, um ihm nicht beide Wangen zu küssen.
»Das könnte ein zweiter Petrus werden«, sagte er lächelnd, als er meine Begeisterung sah.
»Na ja, nicht sofort«, log ich.
»Mit deinem Verstand und diesem Boden geht das in Nullkommanichts.«
All das hätte mir spanisch vorkommen müssen. Spätestens, als der Verwalter sich zurückzog und sich auf den Sessel hinter seinem Schreibtisch plumpsen ließ. Er zappelte ein bisschen, musterte die Karte noch einmal genau und tippte auf seinem Taschenrechner.
»Willst du den Preis in Lire oder Dollar?« fragte er. Völlig egal, er hätte mir den Preis auch in russischen Rubeln nennen können, ich wollte ihn nur endlich hören. Wenn der eine Weinberg in gutem Zustand und in guter Lage zweiundzwanzigtausendfünfhundert Dollar pro Hektar kosten sollte, dann durfte der andere, alt, steil und verkommen, wie er war, vielleicht siebzehntausendfünfhundert pro Hektar kosten. Unter Nachbarn oder - wie er es ausdrückte - Freunden.
Er nahm einen Zettel, notierte etwas und schob ihn mir herüber. »Bitte sehr«, rief er. »Ein offizieller Sonderpreis unter Freunden. Schwarz auf weiß. Sogar unterschrieben.« Ich las und konnte meinen Augen kaum trauen. Wie hatte ich nur Schlechtes über ihn denken können? Er war ein echter Freund. Und, mehr noch, ein bemerkenswerter Gentleman, wie man ihn heute kaum mehr trifft. All das dachte ich mit feuchten Augen, denn vor meinen Augen tanzte eine Fünfzehn.
»Ich bringe das Geld bis ...« Plötzlich begann der Keller sich um mich zu drehen. Denn ich hatte den endlosen Strom von Nullen hinter der Fünfzehn entdeckt. »Hundertfünfzigtausend?« stammelte ich. »Dollari Americani«, antwortete er und lachte so laut, dass die Fässer wackelten.
»Unter Freunden?« stammelte ich kläglich. »Unter Busenfreunden«, tönte er. »Normalerweise müsste ich dreihunderttausend verlangen. Aber Sie bekommen ihn für hundertfünfzig.«
»Der andere Weinberg kostete gerade mal zweiundzwanzig!« Er schob mir die Karte unter die Nase und beugte sich ganz nah her, wie ein Wolf, der einem Huhn ins Auge starrt. »Der andere ist dort« sagte er und stupste mit einem Wurstfinger an den Rand der Karte. »Und deiner liegt hier, direkt neben deinem Haus.« Mein ganzer Übermut war verflogen.
»Kommen Sie schon«, ermunterte er mich lächelnd. »Was sind schon hundertfünfzigtausend pro Hektar, wenn Sie morgen mit Ihrem Petrus eine Million verdienen können?« Sprachlos saß ich da. Ein echter Geschäftsmann hätte jetzt zu schachern angefangen, hätte argumentiert, verhandelt, ein Gegenangebot abgegeben. Ich hingegen überlegte nur, ob ich das steinerne Waschbecken von der Wand reißen und damit auf den Kerl einschlagen oder ob ich seinen Krötenkörper in die Toilette stopfen und hinunterspülen sollte. Ich fragte mich, wie würde Donald Trump sich wohl verhalten? Aber um sich in ihn hineindenken zu können, braucht man wohl auch so eine bescheuerte Frisur wie er. Ich drehte mich um und ging. An der Tür erinnerte ich mich an den Sizilien-Spruch des Bankers. Ich drehte mich um. »Sie haben keinen Weinberg nahe Palermo, den wir uns ansehen könnten?«
Er kicherte nervös und versank in seinem Sessel, um ein kleineres Ziel abzugeben. Aber das Schicksal meinte es gut mit mir. Nur wenige Monate später bot es mir die Gelegenheit zu süsser Rache.