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Ich will von einer Liebe erzählen, weil wir nie aufhören
können, von der Liebe zu erfahren. Würden
wir jemals aufhören zu lieben, würde das Leben
erlöschen.Wenn uns die Liebe ergreift, ergreift uns
das Leben.
Ich erzähle diese Geschichte aber auch, weil ich
nicht weiß, ob sie heute noch in dieWelt passt, und
weil ich denke, dass sie bewahrt werden sollte. Allerdings
kann man einwenden, dass die Welt so
groß, so abwechslungsreich und so vielfältig ist,
dass es nichts gibt, das keinen Platz in ihr hat,
immer, zu jeder Zeit und an jedem Ort. Und doch
gibt es einen Zeitgeist, den die Menge diktiert, er
beherrscht die Vorstellungen und bildet Moden.
Er bestimmt: »Das ist überholt, wir erleben das
jetzt ganz anders.« Es fällt sogar das Wort altmodisch.
Aber merkwürdig, oft ist es gerade das Altmodische,
das uns am stärksten berührt, das Altmodische,
nach dem wir uns sehnen. Denkbar ist
auch, dass Vergangenes noch einmal zuWort kommen
will. Vielleicht ist es das, was mich an dieser
Geschichte reizte.
Ob ich den Ausgang traurig oder glücklich nennen
soll, weiß ich nicht, er kann wohl nicht anders
sein.
SAMSTAG
Alles begann an einem Nachmittag, am Samstag,
den 27. August 1949, vier Jahre nach
dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ein Jahr nach
der Währungsreform, mit der das normale Leben
sich wieder regte. Damals wollten einige Freunde
der Literatur daran erinnern, dass der 28. August
Goethes zweihundertster Geburtstag war, und dies
feiern.
Wir befinden uns in einem Wohnzimmer, in
dem Bücher den vorherrschenden Wandschmuck
bilden.
»Ich habe wirklich wenig Lust«, erklärt Susanne,
eine junge Frau.
»Ach, komm«, bittet sie Florian, ihr ebenso junger
Mann.
»Ich mag den Grafen und die Gräfin, es sind
liebe Leute und wir haben ja wirklich noch nicht
viele Freunde in diesem Kaff. Aber seine Lesung!
Oh, Himmel, ich fürchte, das wird peinlich.«
»Du wirst es überstehen!«
»Ich denke eben, dass er sehr übertrieben vortragen
wird, so hymnisch. Jedes Wort aufgeblasen,
voller Bedeutung.« Susanne versucht es vorzumachen,
zitiert, stellt sich bei jedem Vokal auf die
Zehenspitzen, reckt den Kopf, wendet ihr mädchenhaftes
Gesicht halb seitlich nach oben und deklamiert
wippend: »Waaallte ... Oooh ... Geeeist ...«
Es gelingt ihr nicht schlecht, die Laute steigen wie
Blasen, die in einen imaginären Raum schweben,
zwischen ihren Lippen empor.
Er muss lachen. Das mag er an ihr, diese kabarettistische
Ader, jedenfalls solange es in einem liebevoll-
spöttischen Rahmen bleibt. Wenn sie aber
ihrer Neigung folgt, alles ins Negative zu ziehen
und herabzusetzen, dann leidet er. Sie lehnt sich
an ihn, aber er kann sich nicht an sie lehnen, sie
gibt ihm keine Kraft. Jetzt bittet er: »Lass es dir
nicht anmerken!«
»Ich kann mich zusammennehmen, aber ich
hab nun mal was gegen dieses Weihevolle. Das erinnert
mich an die Waldorfschule. Da mussten wir
Gedichte so aufsagen, als ob wir barfuß über den
Rasen tanzen und dabei unsere Arme wie Vogelflügel
bewegen würden. Ähnlich wie Eurythmie.
Dabei mochte ich diesen ›Tanz nach Worten‹ sogar
lieber. Sprache und Musik durch Bewegung
ausdrücken - das macht der Graf sicher nicht.
Er will ja Goethe feiern, nicht parodieren. Sonst
könnte ich mir das Lachen bestimmt nicht verkneifen.«
»Er liest doch nicht stundenlang. Und wir kommen
endlich mal wieder mit anderen Menschen zusammen,
vielleicht mit ein paar Künstlern, Schriftstellern.
Du weißt, dass der Graf dem Kreis von
Stefan George nahe stand.«
»Wenn er nur seine eigenen Gedichte vortragen
würde, ginge es ja noch. So was kann man mal über
sich ergehen lassen, wundervoll finden und Beifall
klatschen. Aber Goethe ...«
»Was hast du gegen Goethe?«
»Ich hab nichts gegen Goethe, aber man kennt
ihn doch nun wirklich. Schon aus der Schule. Und
sowieso ist er bereits ewig lange tot.«
»Morgen ist nun mal sein zweihundertster Geburtstag
und der Graf verehrt ihn, alle Anthroposophen
verehren ihn, er ist ihr Hausheiliger, auch
der des Grafen. Der arme Goethe! Er kann sich
dagegen doch nicht mehr wehren.«
Susanne, meist einfach Anne genannt, lacht.
»Wohl wahr. Nun denn.« Sie zeigt auf einen Strauß
lachsroter Gladiolen, den sie am Nachmittag in
der Gärtnerei gekauft hat. »Ich hoffe, sie sind dir
recht. Halte sie aufrecht, wenn du sie der Gräfin
überreichst. Ich meine, nicht mit den Blüten nach
unten.«
In der romantisch verschlafenen Stadt Torbruggen
waren kulturelle Veranstaltungen selten, entsprechend
gering waren die Gelegenheiten, mit Menschen
zusammenzukommen, die an etwas anderes
dachten und von etwas anderem sprachen als von
ihren Geschäften, den Affären der Nachbarn und
den eigenen Unpässlichkeiten. Erst ein Jahr und
wenige Monate lebten Florian und Anne hier,
durch den Krieg und die Teilung Deutschlands
nach Bayern verschlagen.
Florian und sein Bruder Manuel hatten angefangen,
die elterliche Firma für Kinderbekleidung
hier wieder aufzubauen, die im von der Roten
Armee besetzten Ostdeutschland zerstört worden
war. Sie handelten dabei weniger aus Neigung als
aus Notwendigkeit und nüchterner Erwägung.
Jeder der Brüder hatte andere Pläne gehabt. Manuel,
der ältere, war Chemiker, aber im besetzten
Deutschland konnte er keine angemessene Stellung
finden, die großen Werke waren demontiert
oder zerbombt. Vielleicht fand er in Übersee, was
hier noch nicht wieder möglich war. Dann wollte
er Torbruggen mit Frau und Kindern für immer
verlassen und Florian hatte den Betrieb allein - mit
aller Last. Mehr und mehr fühlte er sich als Gefangener.
Nicht, dass er seine Sache schlecht gemacht
hätte, aber es war eben nicht seine Sache.
Und die kleine Firma hatte viel zu viele, nicht gerade
Anspruchslose Menschen zu ernähren. Außer
dem Bruder, der zwar jetzt noch mitarbeitete, aber
nach außen strebte, also bald nicht mehr versorgt
werden musste, hing noch die Existenz von vier
Schwestern - ohne Beruf und Männer, aber mit
zahlreichen Kindern - an der kleinen Firma, die
so große Belastungen kaum zu tragen vermochte.
Florian hätte sie auch lieber heute als morgen verlassen,
doch - wovon existieren? Zumal ihm Anne
klipp und klar zu verstehen gegeben hatte, dass sie
ihr Leben keinesfalls mit einem hungernden, in
einer maroden Dachbude um Worte und Groschen
ringenden Dichter zu verbringen gedächte.
Dem Grafen, einem langjährigen Bekannten der
toten Eltern, war man dankbar. Durch ihn hatte
man in Torbruggen geeignete, leer stehende Betriebsräume
gefunden. Es gab nicht nur keinen
Grund, seine Einladung nicht anzunehmen, es war
unmöglich. Florian wollte das freilich auch gar
nicht. Jede Rede, jede Rezitation kommt einmal
ans Ende, dachte er, danach würde man mit den
anderen Gästen, dem Schlossherren und der
Schlossherrin zusammenstehen, plaudern, belegte
Brötchen kauen, Bowle trinken und sich manchmal
mit mokantem Lächeln ansehen. Aufs Ansehen
verstand sich Florian, es ersetzte ihm die
Kunst des Gesprächs, er redete wenig. Ihm fiel, wie
er sich mit Kummer eingestand, selten etwas ein,
wofür es sich lohnte, den Mund aufzumachen.
Dann stand er da, ein Schlacks, litt unter der Gesprächspause,
bestenfalls lächelte er. Wenn man
ihn darauf ansprach, dann sagte er wohl: »Mein
Lächeln ist meine Rede!« Er suchte nach einem
Thema, einem Gedanken - und strahlte seine Gesprächspartner
mit dunklen Augen an. Diese Augen
standen in einem blassen, lang gezogenen Gesicht
unter einer hohen Stirn und braunen, leicht gewellt
nach hinten gekämmten Haaren. Im Herbst
wurde er achtundzwanzig Jahre alt, er war schlank,
fast hager, Anne nannte ihn manchmal scherzhaft
einen Kleiderständer. Er trug meist saloppe Anzüge,
weite Hosen, die um die Beine schlappten,
er verschmähte Jacken, es sei denn, sie ließen sich
nicht vermeiden, wie zu offiziellen Anlässen - und
dieses war ein solcher. Stattdessen zog er lieber lockere
Pullover über Hemden, deren Kragenknöpfe
nie geschlossen waren. Er war gefühlvoll, nicht
dumm, aber seinen Empfindungen so ausgeliefert,
dass man an seinem Verstand zweifeln konnte, wenn
sein Innerstes angesprochen war. Er betrachtete das
als schicksalhaft.
Seine Frau Susanne galt als charmant und graziös,
ihre Haare fielen schwarz gelockt bis zur
Schulter, ihr ganzes Wesen war leicht, sie machte
sich gern über andere Leute lustig.
Heute trug sie ein graues Pepitakleid im New
Look, der neuen Mode, die aus Paris endlich auch
ins besiegte Deutschland hinübergeschwappt war:
ein weiter Rock, der um die Unterschenkel schwang.
Das Modell hatte Florian auf der letzten Export-
messe in Hannover entdeckt. Anne sah reizend darin
aus mit ihrem schelmischen Gesicht und den
braunen Augen. Aber am hübschesten waren ihre
Hände, graziöse Blüten an zarten Stängeln, lange,
feingliedrige Finger, makellos bis in die perlmuttfarbenen
Fingernägel. Da ihre Haare tief angesetzt
waren, wirkte ihre Stirn niedrig. Wenn sie etwas
nicht verstand oder sich wunderte, zog sie Falten,
nadelfeine. Sie hatte oft eine etwas schnippische,
nicht uncharmante Art, sich auszudrücken. So befand
sie lachend, nichts dagegen zu haben, wenn
Florian einmal fremdgehe, freilich mit dem Zusatz:
»Dann habe ich auch freie Bahn.«
Sie stammte aus einem reichen Haus, war jedoch
eher lieblos bei einer von ihrer Aufgabe überforderten
und nur an Sinnlosigkeiten interessierten
Mutter aufgewachsen. Die Eltern waren früh geschieden.
Unter den Nazis hatte sie dann als Mensch
minderer Rasse gegolten, war herabgesetzt worden
und gefährdet gewesen. »Ich komme von so weit
her!«, sagte sie und meinte damit ihr Elternhaus,
das im Grunde keines war. Dass sie so hübsch war,
machte sie dennoch zum Schwarm vieler Schulkameraden.
Davon war ihr eine Art geblieben, mit
Männern zu spielen, zu kokettieren.
In ihrem Wesen spukten einige italienische Vorfahren,
es dominierten aber die jüdischen. Ihr
Vater musste die letzten Kriegsmonate im Konzentrationslager
Theresienstadt verbringen, dem
Lager, von dem die Nazis zynisch prahlten: »Der
Führer schenkt den Juden eine Stadt.« Millionen
starben, wurden in Todeslager deportiert, er überlebte.
Anne galt damals als Halbjüdin, Florians
Mutter hatte ihr Schutz gewährt, sie in ihrem Haus
aufgenommen. Nach der Niederlage, die für sie
eine große Befreiung war, hatten Florian und sie
heiraten können.
Nun leitete sie die Herstellung der Kinderkleider,
die von den Brüdern gleich nach dem Krieg
wieder aufgenommen worden war, wie gesagt, mehr
gezwungenermaßen denn aus Neigung. Privat bewohnten
Florian und Anne die erste Etage eines
alten Hauses. Die Stadt hatte es ihnen vermietet,
um sie und die bekannte, hier jedoch neue Firma
in dem kleinen Ort anzusiedeln. Bruder Manuel
wohnte mit Frau und Kindern im unteren Stockwerk.
Jetzt also die Einladung zum Grafen. Dieser
war auch so eine Doppelnatur. Ein kaum bekannter
- wenn nicht unbekannter - Lyriker, Dichter
von altem Schlag, Besitzer zweier halb heruntergekommener
Schlösser, vermählt mit einer Schauspielerin,
die ihm Tochter Elschen schenkte, betrieb
er in seiner Garage die Herstellung von geheimnisvollen
Medikamenten, Tröpfchen und Salben,
die an der Sonne oder im Vollmond reifen mussten,
basierend auf den Lehren von Paracelsus und
der Alchimie. Wofür sie gut waren, ermittelte die
Gräfin - sie erzählte es mit vergnügter Selbstironie
- für sich auf folgende Weise: Sie nahm einige
Tropfen des neuen Destillats aus Kräutern und
pulverisierten Mineralien auf die Zunge, schloss
die Augen, schluckte sie herunter, lauschte nach
innen, befragte ihre Organe und stellte endlich
fest: »Das wirkt auf die Niere - das beeinflusst die
Galle - das ist gut für den Magen.« Der Graf selbst
stützte sich wohl auf zuverlässigere Methoden. Die
Medikamente wurden in kleinen Fläschchen vertrieben.
Der Graf war betagt, aber rüstig und liebte es,
Gäste um sich zu versammeln. Das war für ihn ein
Abglanz schöner, vergangener Tage. Bereits nach
dem Ersten Weltkrieg, in seiner Jugend, hatte er
solche Zusammenkünfte gepflegt, auf der elterlichen
Besitzung, einem Schloss am Neckar, das
nach der Weltwirtschaftskrise 1929 hatte verkauft
werden müssen.
Anne und Florian schlugen die Wohnungstür
hinter sich zu. Bruder Manuel und seine Frau
Hilde warteten im unteren Flur, sommerlich gekleidet.
Hilde war ein stilles, fast lautloses Wesen,
sie lächelte oft ergeben und sanft. Gemeinsam verließen
sie das Haus und stiegen in das kleine, rotbraune
Cabriolet von Florian, einen Wagen aus
Vorkriegstagen.
Manuel und Hilde zwängten sich auf die Rücksitze,
da war es eng und sie mussten die Köpfe einziehen.
Sie fuhren durch die kleine Stadt, an alten
Bürgerhäusern vorbei, die durch Bomben kaum
zerstört worden waren. Da und dort gab es aber
doch Lücken, Schutthaufen und Mauerreste, Gerüste
und Leitern.
Das Stadttor, ein Uhrturm mit rostrotem Zifferblatt,
stammte noch aus dem Mittelalter, vor
ihm lag die Brücke. Der Fluss zog lehmig, braun
und gelassen dahin, trug Äste und Unrat mit sich.
Dann die gewundene, schmale Straße, bereits abgeerntete
Kirschbäume, nur noch Grün, auch Apfelbäume,
die glatte, runde Früchte trugen. Weite
Wiesen und Felder wie Decken über den flach sich
wellenden Hügeln. Die Abendsonne tauchte das
sommerlich-satte Land in warme Farben, der feurige
Ball hing gelbrot über dem Horizont, lag über
dem schmalen Saum der fernen Wälder. Sie stand
tief, diese Sonne, die Schatten aller Dinge begannen
sich zu strecken.
Die Fahrt bis nach Bruggenweiler, dem Dorf
nahe am Fluss, war nicht lang, eine Viertelstunde
vielleicht, die Anne noch einmal mit Scherzen über
des Grafen Singsang verkürzte - doch stießen ihre
Witzworte auf mäßigen Widerhall. Die Stimmung
war lustlos, man war müde in der Seele, wie Florian
bemerkte. Bruggenweiler war winzig, kaum
ein Dorf: einige Häuser, Kuhfladen und Pferdemist
auf den Wegen, von der Hauptstraße fuhr man
links hinab, dann kam man ans Parktor. Es war
offen, schon standen einige Wagen im Hof. Florian
parkte, sie kletterten heraus, klopften sich Röcke
und Hosen, strichen sich über die Haare.
»Aber das Schlösschen ist reizend«, bemerkte
Florian. Der zierliche Bau stand im verwilderten
Garten, umgeben von Unkraut, Blumen, blassgelben
Rosen, die meisten verblüht, was den Reiz der
Anlage steigerte. Welker Charme.
Das Hauptgebäude glich einem rosafarbenen
Würfel unter verwittertem, wuchtigem Dach, zwei
Stockwerke hoch mit spiegelnden Fenstern, jede
der vier Ecken rund markiert durch vorspringende
Türmchen, die Kupferhauben aus Grünspan trugen.
Auf einem der Schornsteine wohnte ein Storchenpaar
im geflochtenen Nest - es kam jedes Jahr
und klapperte mit den Schnäbeln, bald würde es
zum Flug in den Süden aufbrechen.
Florian, versunken in seine Betrachtung, stand
in der Mitte der Einfahrt, ein anderer Wagen kam,
die Reifen knirschten. Der Fahrer, ein ihnen bekannter
Druckereibesitzer, ließ das Auto langsam
auf Florian zurollen, lehnte sich aus dem Seitenfenster,
winkte und lachte.
Florian erschrak dennoch, Anne zog ihn am Ellenbogen
zur Seite: »Traumtänzer! Du wirst noch
einmal unter die Räder kommen.«
Umdrehen, den Bekannten begrüssen, dann zur
Haustür, sie war gesprenkelt mit winzigen Holzwurmlöchern.
Daneben hing ein goldener Griff,
er war freilich nur aus Messing. Florian zog daran,
die kleine Glocke schepperte. Manuel drückte die
Klinke, das Tor gab nach, sie traten ein. Die Gräfin
stand wie die Hauptdarstellerin in der Kulisse,
Goethes Iphigenie, bereit zum Monolog, ihr Kleid
wallte bis zu den Füssen, der breite Schal über den
Schultern verriet den Schwung, mit dem er geworfen
worden war, die Haare hingen in einzelnen
Strähnen über Stirn und Wangen. Der Mund, geschminkt,
lächelte. Dichter heiraten oft Schauspielerinnen
und tun nicht schlecht daran. Die
Gräfin, eine klassische Gestalt, hieß sie willkommen:
»Schön, dass ihr da seid!« Der Hausherr war
nicht zu erblicken, die Gräfin, zwei Jahrzehnte jünger
als er, sagte: »Nehmt mit mir fürlieb. Der Graf
ist noch oben! Er bereitet sich noch vor. Goethe ist
eben nicht nur irgendein Dichter, er ist der Weltgeist.
Man wird ihm nicht gerecht, wenn man sich
nicht auf ihn einstimmt.« Sie sprach rasch, Anne
meinte, sie habe keine Geduld zum Atmen.
Man versicherte ihr, wie sehr man sich auf diesen
Abend gefreut habe, es sei so schön, sie und den
Grafen wieder zu sehen. Zwei Boxer schnauften,
trieften und wedelten mit den kupierten Schwänzen,
die ihre Hinterkörper in schaukelnde Bewegungen
versetzten.
Florians Augen wanderten an der Gräfin vorbei
in die Diele zu Ahnenbildern auf grün zerschlissener
Seidentapete, getaucht in graues Licht. Einige
Stühle, kurze Reihen neben der Treppe, eine Art
kleiner Vortragsraum. In den dunkelbraunen Langriemen
des Fußbodens klafften Risse. Alles war erneuerungsbedürftig
im Schlösschen, der Geist wie
die Dinge.
Gäste standen in Gruppen zusammen, auch im
Esszimmer daneben, dort plauderte Tochter Elschen,
das pubertierende Küken, mit Doktor Louis.
Er, der Sohn eines namhaften Journalisten, war ein
intimer Freund des Hauses, wohnte oft monatelang
im Schlösschen, war wie ein Teil des Inventars, es
wurde gemunkelt, dass er die Tochter wohl einmal
heiraten würde.
Wir wissen nicht, wann das Schicksal kommt.
Es ereignet sich zwar jede Sekunde, aber es gibt
Wendepunkte, an denen öffnen sich Horizonte.
Noch während Florian und Anne ringsum Gäste
begrüßten, schritt, zunächst kaum beachtet, eine
junge Frau die Treppe hinab. Fast unten blieb sie
auf einer Stufe stehen, die rechte Hand auf dem
Geländer. Das hellbraune Seidenkleid fiel in Falten
vom weißen Gürtel. Ihr ebenmäßiges Gesicht
leuchtete lebendig, die Augen ruhten dunkel darin,
das Weiße des Auges strahlte, ihre Brauen schwangen
sich auf wie Vögel. Sie hatte ihre schwarzen
Haare glatt gekämmt und am Hinterkopf in einem
schweren Knoten zusammengeführt. Die Wangenknochen
traten apart hervor, ihr ausdrucksvoller
Mund mit Lippen, die Florian an Korallen erinnerten,
war geschlossen, jedoch so, als wolle er sich
öffnen, um die Menschen zu begrüßen. Sie trug
keinen Schmuck, auch waren ihre Arme nackt.
Nur unter dem schlanken Hals leuchtete eine Brosche
in Form einer weißen Maske. Sie strömte Pariser
Duft aus, eine schöne Blume.
Florian plauderte mit einer rundlichen Dame
über belanglose Dinge. Als er die anmutige Erscheinung
sah, verstummte er. Seine Gesprächspartnerin
drehte sich zur Seite und erklärte ihm leise: »Ein
Gast des Hauses!« Gleichzeitig gab Anne einen
Laut der Überraschung von sich, es klang wie
»Nein!« Dann rief sie:
»Das ist doch nicht möglich!«
Die schlanke Gestalt auf der Treppe, ein Fuß
über der Stufe, im Begriff, auf die tiefere zu treten,
stutzte, warf den Kopf in den Nacken, zog ihren
Fuß wieder zurück und streckte impulsiv beide Arme
aus, Anne entgegen: »Bist du es wirklich?« Sie
sprach Deutsch mit französischer Melodie.
So trafen sie sich wieder, Schulfreundinnen, die
sich über Jahre aus den Augen verloren hatten. Die
Fremde kam schnell herunter, genau so rasch war
Anne bei ihr, sie fassten sich an den Händen, hielten
mit ausgestreckten Armen Abstand, um sich
verblüfft, erstaunt, erfreut zu betrachten, und lagen
sich gleich darauf in den Armen, küssten sich auf
die Wangen. »Dass du hier bist, dass wir uns wieder
sehen!« Die Hand, mit der sie Annes schmale
Finger hielt, war wohlgeformt und zuverlässig.
Zwei schöne Gestalten.
Anne stellte ihn der Freundin vor: »Das ist Florian,
mein Mann!« Dann erklärte sie lachend, mit
kleinen, fröhlichen Augen: »Und das ist Jantien,
wir waren in der Schule unzertrennlich, ach, es ist
eine Ewigkeit her, wir waren ja noch halbe Kinder,
ich hab dir von ihr erzählt, immer, wenn mir ein
Verehrer lästig wurde, bettelte ich: ›Jantien, nimm
ihn mir ab!‹«
»Ja, und Anne hatte viele, die sie umschwärmten
«, bestätigte Jantien mit dunkler Stimme, »da
hatte ich zu tun und es war nicht immer leicht, die
Burschen abzuwimmeln.« Sie sprach in einem singenden
Tonfall, der zu ihr passte, schön und ohne
Hast.
»Was für ein Zufall«, murmelte Florian, wenig
geistreich. »Wo kommen Sie her?«
»Ich bin Holländerin, aber ich lebe jetzt in Paris.
« Ja, das war es, diese Mischung aus Amsterdam
und Paris, das war ihre Sprache.
Bruder Manuel trottete herbei: eine schöne Frau,
da wollte er nicht fehlen, er legte den Kopf zur Seite
und schob ihn ein wenig vor, was an einen Vogel
erinnerte. Doch gleichzeitig klappte im oberen
Stockwerk eine Tür, des Grafen leicht gebeugte
Gestalt erschien auf der Treppe. Die Gräfin klatschte
dreimal in die Hände: »Es ist so weit! Bitte setzt
euch nun alle!«
»Da müssen wir wohl gehorchen«, flüsterte der
Bruder mit schrägem Blick.
So begab man sich mit dem üblichen Lärmen
zu den Stühlen. Anne und Jantien setzten sich nach
vorne, Florian ließ sich neben Jantien nieder, sie
saß in ihrer Mitte.
Manuel, statt sich zu seiner Frau zu setzen, forderte
Florian auf, ihm den Stuhl neben Jantien frei
zu machen. Florian schüttelte den Kopf. »Ich denke
nicht daran!« Er verteidigte sein Revier. Jantien
lächelte, Anne amüsierte sich. Florian verwies den
Bruder nach hinten. Und dieser trollte sich schließlich,
das Kaspertheater eines Bruderzwistes wollte
er doch nicht aufführen.
Der Graf kam, die halblaut geführten Gespräche
verstummten. Zart, mit gealtertem, geistvollem
Gesicht, Brille, schlohweißem, nach hinten gekämmtem
Haar, stieg er langsam herab, sich leicht
auf das Treppengeländer stützend, unter dem linken
Arm ein Buch.
Florian erhob sich. Da er dicht an der Treppe
saß, hätte der Graf sonst über seine Beine steigen
müssen. Der Graf reichte ihm flüchtig die Hand,
blickte aber durch ihn hindurch, in höhere, geistige
Gefilde. Aus dem Band unter seinem Ellenbogen
winkten weiße Zettel, Merkfähnchen. Auf dem Kamin,
in dem kein Feuer brannte, legte er das Buch
ab, begrüßte die Gäste, sprach von Goethe:
»Diese große Gestalt ... Er ragt über alle Zeiten
... Dem Wunder seines Werkes entspricht das Kunstwerk
seines Lebens.«
Jantien hörte aufmerksam zu, gesammelten
Ausdrucks, ihre dunklen Augen ruhten unverwandt
auf dem Grafen. Florian registrierte jede Bewegung
ihre Kopfes, ihrer Hand, des fein gezeichneten
Mundes, der doch so voll und weich war und
verlockend. Sie gab seinen Blick zurück, aus den
Augenwinkeln grüssend.
Um Annes Lippen zuckte es, es bildete sich ein
mokantes Lächeln, so zart, wie wenn man auf eine
unbewegte Wasserfläche bläst.
Der Graf befand weiter: »Die Zeit keines Menschenlebens
reicht, um Goethes Geist zu erfassen ...«
Er, der Graf, der ihm so viel verdanke, wolle heute
daher nur einige Gedichte lesen, »in verehrendem
Erinnern an ihn, dessen Geburtstag wir morgen
feiern. Diese Gedichte ...« griff zu dem Buch auf
dem Kamin, schlug es auf, strich die Seite glatt ...
»Es gibt wohl kaum vollendetere. In ihnen paart
sich Schönheit mit Tiefe des Gedankens - und mit
Musik - und mit Bildern ... Es sind die kleinsten
Gesamtkunstwerke, die wir kennen, und zugleich
die größten. Wenn Luther die deutsche Sprache
geschaffen hat, so hat Goethe sie vergeistigt.«
Er begann. Wie Anne es vorhergesagt hatte, war
das kein Lesen. Das war auch kein Sprechen und
kein Singen. Irgendetwas dazwischen. Vor allem
war es »bedeutend«. Jedes Wort war »bedeutend«,
jede Silbe. Der Graf trug sie vor. Ja, er trug die
Verse auf seinem Atem vor sich her, wie auf dem
sprichwörtlichen Tablett. Seht her, da bin ich, und
so schön, und so groß ...Die Gedichte stammten aus
dem »West-östlichen Diwan«, es waren Goethes
Liebesgedichte an die Bankiersgattin Marianne
von Willemer und ihre gereimten Antworten, die
heimlich in das Werk eingegangen waren und so
gut neben den Gedichten des Größten der Großen
bestehen, die schönsten Liebeszeugnisse, die bleiben
werden.
Florian spürte ein warmes Gefühl in sich aufsteigen.
Er ahnte, dass es nicht nur von den Gedichten
kam. Er hätte es auch ohne diese empfunden,
sie verstärkten es aber. Er sah auf Jantiens Füsse,
ihre schmalen, weißen Schuhe, ihre Fesseln, ein
Bein über das andere geschlagen. Ruhig und aufmerksam
hörte sie zu, die verlässlichen Hände,
kleine selbstständige Wesen, im Schoß gefaltet.
Die Gedichte, die der Graf vortrug, kannte Florian
alle. Aber er hatte sie lange nicht mehr gelesen.
Und auf diese Weise gesprochen noch niemals
gehört. Mochte er das? Er war gegenwärtig gar
nicht in der Verfassung, irgendetwas nicht zu mögen.
Er schwebte. Neben dieser Frau sitzend, hätte
er selbst das Röhren eines Hirsches für den Gesang
einer Nachtigall gehalten. Seine Gedanken - waren
es Gedanken oder nur Bilder, Wortfetzen, Gefühle?
- waren erfüllt von dem Duft, der von seiner
linken Seite kam. Er saß ein wenig vorgeneigt, vermied
es aber, mit der Schulter oder dem Arm seine
Nachbarin zu berühren, und sei es auch nur, sie zu
streifen. Die Verse rauschten. Sie stiegen, verharrten
in der Höhe und sanken, um erneut zu steigen.
Der Graf sprach oft mit geschlossenen Augen.
Manchmal richtete er den Blick auf das Buch,
dann blätterte er eine Seite um, eine zweite. Florian
hörte. Dass er verstand, kann man nicht sagen.
Denn wie kann man verstehen, während man
überschwemmt ist von Gefühlen? Aber als der
Graf las:
Ist es möglich! Stern der Sterne,
Drück' ich wieder dich ans Herz!
Ach, was ist die Nacht der Ferne
Für ein Abgrund, für ein Schmerz!
Ja, du bist es! meiner Freuden
Süsser, lieber Widerpart;
Eingedenk vergangner Leiden,
Schaudr' ich vor der Gegenwart ...
da sah er zur Seite, suchte Jantiens Blick. Sie schien
nur den Grafen zu sehen und zu hören, seine Worte
zu trinken. Kein Hauch überflog die Haut ihrer
Wangen, nichts verriet, was sie dachte, was sie
fühlte. Doch dann - ihre Augen wanderten kurz -
und ohne den Kopf zu drehen, sie neigte ihn höchstens
ein wenig, lächelte sie. Und schon schaute sie
wieder auf den Grafen.
Dieser kam zum Ende des ersten Teils seiner
Lesung. Er klappte sein Buch zu, stand noch stumm,
lies seine Worte nachklingen, lauschte hinter ihnen
her, fixierte einen Punkt in der Ferne. Sollte man
klatschen? Doch wohl besser nicht! Doktor Louis
brach den feierlichen Bann. Er durfte es, war er
doch Teil des Hauses, gewissermaßen sogar Teil
der Veranstaltung. Er räusperte sich. Andere rückten
auf ihren Sitzen.
Die Gräfin erhob sich, strich sich den Rock glatt,
lud ein ins Nebenzimmer zu kleiner Pause. Man
schlängelte sich zwischen den Stühlen, schob sie
scharrend zur Seite, sprach erste Worte, wenn auch
nicht mit voller Stimme.
Florian ließ den beiden Frauen den Vortritt. Im
Nebenzimmer, auf dem langen Esstisch, schwammen
Orangenscheiben in einer Bowleschüssel, die
Sonne spiegelte sich in den Gläsern. Das Licht
kam schräg durch die Fenster.
»Mein Werk!«, tönte Doktor Louis, schob das
Kinn vor, in Richtung zur Bowle. Damit lockerte
er die allgemeine Befangenheit. Florian wurde ge-
radezu übermütig. Als der Graf ihn am Arm berührte,
rief er:
»Danke, dass wir hier sein dürfen!«
Aber er meinte es ganz anders, als es der Graf
verstand. Dieser bezog es auf sich und die kleine
Feier, fragte den jungen Gast: »Und was macht Ihr
Schreiben? Wann liest man neue Gedichte?«
Da musste Florian den Kopf schütteln: »Die
Arbeit, die Firma ...« Er hoffte, dass Jantien es hörte,
dieses, dass auch er Gedichte schrieb.
Der Graf, Mentor und Meister, fuhr fort:
»Schreiben Sie weiter. Und sei es nur aus Gründen
seelischer Hygiene. Lassen Sie sich nicht ganz auffressen
von der Firma. Damit würden Sie auch den
mit Ihnen lebenden Menschen keinen Gefallen
tun. Wer leidet, macht leiden!«
Das war vielleicht ein kluges Wort. Im Augenblick
war Florian jedoch nicht nach Leiden zumute.
Hier war Jantien. Allein. Nun nicht mehr allein.
Da der Graf sich einem anderen Gast zuwandte,
war Florian mit wenigen Schritten bei ihr: »Schön,
dass Sie gekommen sind! Was für ein Zufall!«
»Zufall? Gibt es das?« Sie trank, stellte ihr Glas
ab, schaute ihn an mit ihren dunklen Augen, be-
kränzt von langen Wimpern, ach, diese Augen!
Er fiel fast hinein. Würde er sich jemals wieder
befreien können von diesem Zauber? Von diesem
Duft aus Übersee, von fernher, aus tropischen
Gärten?
Florian verteilte die Gläser an die Gäste. Jantien
schenkte ein, dann öffnete sie ihre Handtasche,
entnahm eine Zigarettenschachtel, fragte:
»Rauchen Sie?«
»Nein! - Und deshalb habe ich leider auch kein
Feuer, welches Pech!« Er war zerknirscht.
Sie knipste ihr Feuerzeug an, kleine, hellrote
Flamme, hielt sie an die Zigarette, die zwischen
ihren Lippen hing, zog daran, blies den Rauch aus,
es entstand eine lange Fahne. »Sie schreiben?« -
Sie hatte es gehört, wunderbar! »Oder ist es ungezogen,
danach zu fragen?«
»Aber nein! Ich meine, es ist nicht ungezogen.
Im Gegenteil, ich freue mich, dass Sie es tun. Aber
es sind Jugendsünden!«
»Nun, über die erste Jugend sind Sie hinaus,
oder sehe ich das falsch?«
»Ich hoffe nicht! Obwohl vielleicht noch ein
paar Eierschalen kleben. Jedenfalls habe ich lange
nichts mehr geschrieben.«
»Das ist nicht gut«, meinte sie. »Man muss seine
Werkzeuge immer benutzen, immer üben.Wie ein
Pianist, täglich!«
Woher wusste sie das? Er schluckte. Es fiel ihm
beim besten Willen nichts ein, was er darauf erwidern
konnte. Dabei war er in Hochstimmung, bereit,
wie Atlas die ganzeWelt auf seinen Schultern
zu tragen. Er nahm Zuflucht zur Bowle, trank,
schöpfte nach, trank wieder.
»So durstig?«
Er stellte das Glas ab. »Und was machen Sie?
Vielleicht schreiben ja Sie?«
»Ich rauche!« Sie blies den weißen Qualm aus.
Wie sie redete, diese ruhige, dunkle Stimme, eine
Gambenstimme, keine Geige, vielleicht eine Viola
d'amore. Dazu der leicht französische Tonfall.
»Dass Sie rauchen, sehe ich«, erwiderte er keck.
»Ich meinte jedoch Ihren Beruf, falls Sie einen ausüben.«
»Ja, aber er ernährt mich nur mäßig, ich bin
Schauspielerin. Ich trage Gedichte vor, Verlaine,
Baudelaire - in französischer Sprache, oder auch
Rilke,Trakl,Hölderlin, diese natürlich auf Deutsch,
und wenn ich in den Niederlanden auftrete, dann
auf Holländisch, das ist meine Muttersprache.«
Rilke. Es war ein bisschen eine Mode, aber sie
entsprach ihm, so wie er augenblicklich fühlte. »Sie
sprechen wunderbar Deutsch.«
»Ich war ja in Deutschland auf der Schule, in
Stuttgart, zwei Jahre, mit Anne ...«
»Und mussten ihr die lästigen Verehrer abnehmen!«
»Auch das! Gegenwärtig lebe ich in Paris und
hoffe, dass ich dort bleiben kann.« Sie liebe diese
Stadt, sagte sie, sie sei wunderbar. In den Gärten
sprudelten die Springbrunnen, darüber leuchte der
Himmel opalfarben ...
Welche Musik, dieses Wort aus ihrem Mund -
opalfarben! Er hörte, dass die Alleen Gobelinteppichen
glichen, auf denen Kinder in bunten Kleidchen
spielten und Segelschiffe auf Teichen fahren
ließen. Aber vor allem seien da die jungen Leute,
die Studenten, sie schwatzten, sangen, spielten
Karten auf ein paar alten Stühlen - und liebten
sich. Sie liebten sich einfach so, zwischen allen
Leuten, weltverloren. Und dann der Herbst, auf
den freue sie sich, der Herbst in Paris sei so schön,
alles blühe noch einmal, üppig und reich.
»Die Fremden verlassen endlich die Stadt, diese
rück, laufen herum mit Büchern unter den Armen,
mit Zeitschriften, Zeichenheften, Mappen, Reißbrettern
und Linealen.«
»Das klingt verlockend. Jetzt sind Sie aber erst
einmal hier.«
Ein Zug an der Zigarette. »Jetzt bin ich hier!«
Wenn sie die Asche über der Schale abstäubte, tat
sie es energisch, mit weiter Armbewegung und
kräftigem Fingerklopfen.
Er sagte ihr, er glaube, dass sie Baudelaire liebe,
und das gab sie zu. Er sagte, sie sähe auch aus, als
ob sie Chopin möge und Rilke, um einmal von
einem Deutschen zu sprechen. »Sie müssen zu uns
nach Hause kommen, zu Anne - und zu mir!«
»Das wird kaum gehen. Morgen fahre ich mit
der Gräfin nach Stuttgart.«
»Was heißt morgen? Noch heute Abend nehmen
wir Sie mit.«
»Oh, là, là! - Ja, gerne, aber schließlich bin ich
hier Gast.«
»Das regle ich schon«, antwortete er. Was war
in ihn gefahren? Kannte er sich selbst noch wieder?
»Ich spreche gleich mit der Gräfin!«
Er ging, suchte, fand die Herrin des Hauses,
brachte sein Anliegen vor: »Nicht böse sein, wir
möchten Frau Jantien - « er kannte ihren Nachnamen
nicht einmal - »heute Abend zu uns mitnehmen.«
Jantien stand allein, rauchte und sah ihn freundlich,
aber auch etwas überrumpelt an. Wie schön
war es, ihrem Blick zu begegnen. Von diesem Augenblick
an liebte er sie. Er wusste es nur noch nicht.
Er wurde ein anderer, aber auch das wusste er nicht.
Die Gräfin stutzte, schien zu überlegen. Vielleicht
dachte sie, dass sie ja das Haus voller Gäste
hatte, müde sein würde. Schließlich antwortete
sie: »Ich verstehe. Annes Schulfreundin. Nun gut,
aber seien Sie morgen vor zehn Uhr pünktlich
wieder hier. Ich kann meine Abfahrt nicht verschieben.«
»Danke. Und versprochen!«
Doktor Louis hatte Jantien im Blick, gleich
würde er auf sie zusteuern. Dem musste Florian
zuvorkommen. »Danke, Gräfin«, sagte er ein zweites
Mal und beeilte sich. Er kam rechtzeitig, Doktor
Louis wandte sich einem anderen Gast zu.
Ein rasches Wort zu Jantien: »Alles in Ordnung!
« Er nahm sein Glas und trank aus. Sie wollte
ihm nachschenken. Da hielt er seine Hand
darüber: »Danke! Ich bin schon perdu!«
»Oh, là, là!«, antwortete sie. Schaute in ihr Glas
und trank selber. Dann schwiegen sie beide. Aber
es war keine peinliche Pause. Es war eine Pause, in
der Empfindungen sprachen. Der Graf unterbrach
sie. Er wollte seine Lesung fortsetzen. Beim Hinübergehen
in den anderen Raum unterrichtete
Florian Anne von der Einladung. Kleine Falten
auf ihrer Stirn. »Du hast es ja eilig!«
»Wir haben nur so wenig Zeit«, antwortete er.
»Und ich war sicher, dass es dir recht ist!« Das war
alles.
Anne nickte: »Natürlich!«
Danach - diese Unaufmerksamkeit! Wie konnte
er sich konzentrieren. Seine Gedanken waren bei
Jantien, die wieder neben ihm saß. Es war bereits
ein Band zwischen ihnen. Eine gute halbe Stunde
noch deklamierte der Graf, Florian hörte und
hörte doch nichts. Er sehnte das Ende des Vortrags
herbei. Fort von hier, fort mit ihr.
Kurz bevor der Graf endete, legte er das Buch
aus der Hand. Seine Wangen waren gerötet, er befand
sich in heiliger Erregung, schaute über die
Versammlung hinweg, irgendwohin, in die Ferne,
vielleicht in die Vergangenheit, zu Goethe, oder
vielleicht nur in einen imaginären, strahlenden
Raum. Sah er etwa den Meister selbst? Es hieß
ja, er habe Gesichte. Auf dem Sims des Kamins
flammten jetzt drei Kerzen - sie warfen einen
goldenen, begrenzten Schein, der dem Grafen
schmeichelte. Da stand er, mit schlohweißem Haar,
ein liebenswerter, alter Mann.
Die Zuhörer warteten schweigend. Was nun?
Der Graf verkündete es: »Bitte erheben Sie sich
zu Ehren des Meisters!«
Da war man denn doch verdutzt. Das war
etwas peinlich. Auch Florian hasste so eine angeordnete
Verehrung. Man blickte sich an, eine Sekunde
oder auch mehr. Und keiner stand auf.
Niemand wollte der Erste sein, jeder wartete auf
den Impuls des anderen. So verharrte man auf
den Sitzen.
Der Graf nahm es hin. Was hätte er auch anderes
tun sollen? Beschwörend hob er beide Hände
- er war wie ein großer, dreiarmiger Leuchter.
Jedoch ohne Kerzen. Es gibt Jugendstilbilder, auf
denen schlankeMädchen so stehen, als ob sie etwas
von oben bekämen. Wie wenn sie den Himmel
auffangen wollten.
Aber der Graf, wem hob er seine Hände entgegen?
Er rezitierte frei:
Alle vereinigt,
Hebt euch und preist!
Luft ist gereinigt.
Atme der Geist!
Genau wie Anne, dachte Florian, bevor wir abfuhren,
zu Hause im Zimmer. Hier fehlte nur, dass
der Graf seine Worte nicht nur gesungen, sondern
auch getanzt hätte. Jantien sah still zu ihm hin, ihr
schönes Gesicht vom Licht der Kerzen vergoldet.
Anne schluckte wohl eher, unterdrückte ein Lachen.
Doch es war überstanden. Eine Pause der
Besinnung gönnte man dem Grafen noch, ließ die
Worte nachklingen: »Atme der Geist!« Ja, wenn er
doch nur geatmet hätte und nicht gepredigt.
Schweigend, ergriffen halb und halb verlegen,
erhob man sich, strebte in den Nebenraum. Nur
Jantien flog die Treppe hinauf, in ihr Zimmer,
packte sich das Nötigste für die Nacht ein, vertauschte
den Abendrock gegen einen kurzen: reizende
Beine und schlanke Fesseln. Sie trug eine
größere, modische Tasche, keinen Mantel.
Es war fast elf Uhr, als sie aufbrachen, eine braune
Nacht, dachte Florian. Er musste an Nietzsches
venezianisches Gondellied denken, dessen erste
Zeile lautet: »An der Brücke stand jüngst ich in
brauner Nacht ...« Es hatte seine Bedeutung, dass
die Nacht braun war, nicht finster oder schwarz.
Braun war nicht nur eine Farbe, es war ein angenehmes
Gefühl.