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Für François
Ich werde dir keine Gründe sagen,
warum du mich liebst.
Denn es gibt keine.
Der Grund zu lieben ist die Liebe.
Antoine de Saint-Exupéry
Die Stadt in der Wüste
1
Jacques ist verliebt. Alle Kinder sind in ihre Mutter verliebt, aber mit zwölf, fast schon dreizehn Jahren beginnen die anderen allmählich darüber zu schmunzeln. Besonders sein Vater, aber auch seine Klassenkameraden. Jacques macht sich nichts daraus: Seine Mutter ist die Schönste von allen.
Heute abend ist sie nicht schön, sie ist atemberaubend. Beim ortsansässigen General findet ein Empfang statt. Dort wird Yella Bonnieux ihr neues Kleid einweihen, das am Vorabend mit dem Schiff aus Paris eingetroffen ist. Jacques durfte höchstpersönlich die breiten, mit dem Wappen des Hauses Poiret verzierten Bänder lösen, mit denen das Paket kunstvoll verpackt war. Überrascht hat ihn das nicht: Oft genug hat er gehört, wie die Gäste seiner Eltern seine Mutter nach der glanzvollen Zeit fragten, als sie noch als Mannequin für den bekannten Modeschöpfer in der Avenue Montaigne arbeitete. »Das ist schon so lange her«, antwortet sie dann immer mit einem kleinen Lächeln. »Damals nannte man mich noch Gabrielle, wie Mademoiselle Chanel ... Na, und dann bekam ich Jacques«, fügt sie jedesmal hinzu und schaut
ihrem Sohn direkt in die Augen.
Lag vielleicht noch etwas anderes als nur Zärtlichkeit in ihrem Blick? Das hatte sich Jacques manches Mal besorgt gefragt. Er fürchtete, auch einen leisen Vorwurf zu erkennen. Er hatte doch nicht darum gebeten, so schnell auf die Welt zu kommen. Er hätte warten können, er hatte es nicht eilig. Er hätte es ganz und gar verstanden, wenn sie bei den Defilés gerne noch länger den begehrlichen Blicken der Männer ihre Verführungskünste dargeboten hätte.
Mit achtzehn Jahren Mutter werden, das war ungewöhnlich, aber es erlaubte dem kleinen Jacques, seine Angebetete, die noch nicht einmal ihren dreißigsten Geburtstag gefeiert hatte, in ihrer vollen Schönheit zu genießen.
Er hatte also die Paketbänder gelöst, den Karton geöffnet und den feinen Musselinstoff freigelegt, in den das Kleid eingeschlagen war, dann war er einen Schritt zurückgetreten, um seiner Mutter das Handeln zu überlassen. Sie streifte ihn im Vorübergehen, strich ihm mit der Hand über den Nacken, sie roch so gut - L'Heure bleue, wie immer. Fachmännisch faßte sie das Kleid oben an den Schulterpartien, ließ es aus dem Musselin gleiten und drückte ihr Gesicht gegen den Stoff. Dann hielt sie sich das Kleid vor, einen Arm über der Brust, den anderen auf der Taille. Mit offenem Mund sah Jacques ihr zu, auch sein Vater schwieg voller Bewunderung, vielleicht aber auch ein bißchen amüsiert und insgeheim beunruhigt über die Kosten der neuesten Verrücktheit seiner Gattin. Schließlich hatte Yella sie beide sanft verscheucht.
»Und nun, meine Lieben, werde ich es anprobieren.
«
Von diesem Anprobieren verstanden sie nichts.
Jacques hatte seine Mutter in ihrem neuen Kleid erst wenige Minuten vor ihrem Aufbruch zum General von Marokko wieder gesehen. Und da hatte er sich geschworen, daß es niemals in seinem Leben eine andere Frau geben würde.
2
Diese Gewißheit erfüllte ihn an jenem Abend ganz und gar. Es war erst das zweite Mal, daß er seine Mutter auf einen Ball begleiten durfte. Und an diesem Abend erwartete der General einen ganz besonderen Gast: Charles Lindbergh, den großen amerikanischen Flieger, der es im letzten Jahr als erster geschafft hatte, den
Atlantik im Flugzeug zu überqueren, und der damit eine Welle der Begeisterung auf der ganzen Welt ausgelöst hatte.
Er hatte darüber sogar ein Buch geschrieben, und um es zu bewerben, hatte sein Verleger eine große Kreuzfahrt organisiert. Nachdem man New York an Bord der Normandy verlassen hatte, legten der berühmte Flieger und sein Gefolge in Southampton an, verbrachten drei Wochen in London, Berlin, Rom und Paris, um sich
dann auf der Jean-Laborde einzuschiffen, die aus Le Havre kommend über Lissabon schließlich in Casablanca angelegt hatte.
Die Jean-Laborde würde am morgigen Tag wieder in See stechen, um zunächst nach Saint-Louis im Senegal zu fahren und von dort aus wieder nach Amerika.
Aus diesem Anlaß hatte der General einige sorgfältig ausgewählte Würdenträger des Protektorates in Begleitung ihrer Kinder, wenn diese älter als zehn Jahre waren, zu einer Cocktailparty eingeladen.
Marcel und Gabrielle Bonnieux gehörten zu den Auserwählten, zur guten Gesellschaft Marokkos. Jacques' Vater war nach seiner Zeit als Eliteflieger während des Ersten Weltkrieges Chef der Aéropostale in Rabat geworden. Antoine de Saint-Exupéry, einer seiner besten Freunde, besetzte den gleichen Posten in Cap Juby, weiter südlich an der marokkanischen Küste, an der Grenze zu Spanisch-Sahara. Er war gerade im Begriff, ein Buch mit dem Titel Südkurier zu veröffentlichen, in dem er von seinen
Abenteuern als Pilot berichtete, von den Überquerungen der Wüste, den Beduinen, die notgelandete Flugzeuge überfielen, und vom Rausch des Raumes und der Weite ... Und Jacques war stolz auf etwas, das sein Vater ihm im Vertrauen erzählt hatte: Der Held bei Saint-Ex würde den gleichen Vornamen tragen wie er.
Dennoch reichte sein Ruf natürlich nicht an den alles überstrahlenden Namen jenes Mannes heran, der heute abend geehrt werden sollte. Dem »großen« Lindbergh sagte man nach, daß er die Herzen der Frauen ebenso kühn eroberte, wie er sich mit Ruhm bedeckte. Alle hatten sich herausgeputzt. Yella war die Eleganteste und
die Begehrenswerteste, aber Marcel Bonnieux beunruhigte das nicht allzu sehr. Unter Fliegern gab es einen Ehrenkodex, über den man kein Wort verlieren mußte.
Charles Lindbergh hingegen wußte nichts von den Orden und Auszeichnungen des Leutnant-Oberst Bonnieux, nichts von seiner Vergangenheit, und auch nichts von seiner gegenwärtigen Position; er wußte nur, daß Bonnieux von der schönsten Frau begleitet wurde, die er seit seiner Ankunft in Europa, also seit fast zwei Monaten, gesehen hatte.
Und während der General begann, ihm die anwesenden Herrschaften, den Glaoui, die Präfekten und Unterpräfekten, die Leiter der Verwaltungsbezirke, der sogenannten Wilayas, und noch viele andere vorzustellen, bewegte er sich wie unter einem Bann auf sie zu. Er schüttelte die erste Hand, ignorierte die zweite und auch
die vielen auf ihn gerichteten Augenpaare, um durch die Menschenmenge hindurch immer wieder den Blick dieser Augen zu erhaschen, die ihn sogleich beim Betreten des überfüllten Saales elektrisiert hatten.
Die Männer beobachteten die Szene mit ironischer Miene oder amüsiertem Lächeln, die Frauen waren weniger nachsichtig, sie warfen eifersüchtige Blicke, denen Sticheleien folgten.
Marcel selbst schien von der Wirkung geschmeichelt, die seine Frau auf den Helden des Abends hatte. Lindbergh begrüßte ihn übrigens, aber nur kurz. Und so konnte Marcel sich nicht, wie er es erhofft hatte, mit dem großen Lindbergh über ihre gemeinsame Leidenschaft - das Fliegen - unterhalten. Es blieb bei zwei oder drei belanglosen Bemerkungen. Offensichtlich hatte Charles Lindbergh gerade keinen Sinn für derlei Dinge, und Marcel Bonnieux merkte bald, daß es besser war, sich zurückzuziehen.
3
Von draußen sieht Jacques zu. Er klebt beinahe an der Verandascheibe, die den Blick in den Empfangssaal freigibt, um das Geschehen besser beobachten zu können. Er ist überwältigt von all der Pracht, von dem vergnügten Stimmengewirr, von den konzentrischen Wellen, die sich um den amerikanischen Flieger ausbreiten. Irgendwie hat er die Aura eines Heiligen, der alle mit seiner Gunst beglückt. Seine Mutter steht in der Mitte, und der Flieger ist nun bei ihr. Jetzt konzentriert sich die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf die beiden, auch wenn viele ihren Blick abwenden, um kein zu unverhohlenes Interesse zu verraten.
Jacques spürt, daß Yella die Zielscheibe von Neid und Verlangen ist. Marcel hat seinem Sohn oft gesagt, daß Eifersucht die Welt in Bewegung hält, besonders in Frankreich. Er hat ihn sogar auf den heutigen Abend vorbereitet: »Du wirst sehen, daß die Amerikaner ganz anders denken als wir, sie freuen sich auch am Erfolg anderer.«
Im Salon schweben Enttäuschungen und unerfüllte Hoffnung durch den Raum und verdichten sich zu einer gefährlichen Mischung, doch welcher Funke wird die Explosion auslösen? Jacques fröstelt und ballt die Fäuste zusammen. Wird es die Geste sein, mit der Lindbergh flüchtig Gabrielles Handgelenk zurückhält, um ihr das Champagnerglas abzunehmen? Oder daß er sie zum ersten Walzer des Abends auffordert? Rabat bebt, alle Frauen haben sich an diesem Samstagabend in ihren Träumen auf die Tanzkarte des Helden eingetragen, jede einzelne hat insgeheim gehofft, seine erste Dame zu sein.
Die Paare zögern einen Augenblick, bevor sie sich aufstellen und dem Flieger und seiner glücklichen Auserwählten auf die Tanzfläche folgen. Alle wollen sehen, beurteilen, abschätzen, sich beruhigen oder aufregen. Gewiß, der schöne Amerikaner wirkt etwas tollpatschig, aber seine Partnerin ist so anmutig, so zart ...
Als der Walzer endet, hält das Paar mitten auf der Tanzfläche inne, vergißt alle anderen um sich herum, und als die Musik wieder einsetzt, schweben Charles und Gabrielle von neuem über das Parkett. Ohne auf die übrigen Tänzer zu achten, drehen sie ihre Kreise, der Saal scheint ihnen allein zu gehören, und mit jeder Drehung
entfernen sie sich weiter von dem aufgeregten Getuschel, dessen Mittelpunkt sie sind.
Dann, als die Überraschung sich legt und sich allmählich in der mit einemmal auf die Tanzfläche drängenden Menge verliert, beginnen die beiden Helden des Abends enger miteinander zu tanzen, sehnsüchtiger, beinahe hingebungsvoll. Trotz all seiner Bemühungen, ihren Bewegungen zu folgen, kann Jacques sie stets nur für
einige kurze Augenblicke erspähen. Er sieht den Amerikaner etwas in das Ohr seiner Mutter flüstern, worauf deren Schultern leicht beben: Zweifellos lacht sie. Aber ach, die Menschenmenge trägt sie wieder fort, und Jacques kann nichts mehr erkennen. Er hat gerade beschlossen, sich zu der Gruppe Marokkanerkinder zu gesellen, die wie er von Ferne die Lichter des Festes beobachten, als die Verandatür aufgeht und ein unverkennbarer Duft zu ihm herüberweht, L'Heure bleue, das Parfum seiner Mutter.
Sie ist nicht allein, Charles Lindbergh folgt ihr.
Jacques springt hinter einen Zierstrauch und verharrt dort ohne einen Laut, während das Paar sich umarmt. Von der nur angelehnten Fenstertür her hört man Getuschel. Der Flieger geht zurück und schließt die Tür geräuschvoll. Man protestiert. Unbeeindruckt kehrt der Amerikaner zu Gabrielle zurück und faßt sie um die Taille. Sie tut so, als wolle sie sich seinem Griff entwinden, läßt ihn dann aber gewähren. Er küßt sie auf die Schulter.
Jacques ist wie versteinert. Sein Herz will ihm in der Brust zerspringen, das Atmen fällt ihm schwer. Unmittelbar vor seinen Augen spielt sich eine Verführung ab, die weitaus schwindelerregender ist als die Walzerdrehungen, die er im Ballsaal verfolgt hatte. Gefährlicher. Der Amerikaner flüstert unaufhörlich ins Ohr seiner Schönen,
die nunmehr lauthals lacht. Es steht fest, daß sie getrunken hat. Jacques will dazwischengehen.
Da, plötzlich, kann er genau verstehen, was seine Mutter sagt. Der Alkohol macht ihre Stimme tiefer. Sie spricht abwechselnd Französisch und ein schlechtes Englisch, und Jacques scheint es, als wolle sie damit das Schreckliche ihrer Worte noch zusätzlich betonen:
»Ich bin frei wie die Luft, die Luft ist mein Geliebter, das verstehen Sie doch sicher, Monsieur Aviateur ...«
Gebannt, ja elektrisiert von diesen Worten, die er, das weiß er schon jetzt, nie wieder vergessen wird, hält Jacques den Atem an.
»Ungebunden, sage ich Ihnen. Ohne Kind und ohne Ehemann, nun ja, vielleicht ein bißchen Ehemann ...«
Sie lacht wieder. Plötzlich küßt der Amerikaner sie mitten auf den Mund. Dieses Mal läßt sie ihn gewähren. Nachdem er sie lange umarmt hat, zieht er sie zum Geräteschuppen. Jacques merkt erst jetzt, daß hinter den Büschen noch zwei oder drei andere Kinder die Szene ebenso beobachten wie er, ohne ein Wort
zu sagen. Er will zu dieser verdammten Hütte laufen, hat aber nicht die Kraft dazu. Bei dem Versuch, sich aufzurichten, gerät er ins Straucheln und fällt der Länge nach hin. Er verliert das Bewußtsein.
Die anderen Kinder schlagen Alarm. Der erste, der aus dem Salon nach draußen stürzt, ist Marcel, der das Geplänkel ebenfalls stumm von der Fenstertür aus verfolgt hat. Er kniet sich neben seinen Sohn und schlägt ihm leicht auf die Wangen, um ihn wieder zu Bewußtsein zu bringen. Vergeblich.
Wie von Sinnen rennt er los, um von der Residenz Hilfe herbeizuholen. Er hat den Beginn des Abends in stoischer Ruhe ertragen, er hat sehr wohl gesehen, daß sein Stern neben dem des großen Charles Lindbergh verblasste, er hat versucht, den Würdenträgern und dem Ehrengast etwas vorzuspielen, aber jetzt, da das Schicksal sich an seinem Sohn vergriffen hat, ist ganz plötzlich alles zuviel. Die Gäste sehen ihn entsetzt an, schon ist die schöne Gabrielle mit ihrem provokanten Auftreten vergessen, ein ängstlicher Schauer läuft durch die Zuschauer. Drei Ärzte tauchen auf und folgen Marcel.
Sie tragen Jacques auf die Terrasse und betten ihn auf einen Liegestuhl, um ihn zu untersuchen. Dann meinen sie übereinstimmend, Jacques würde gleich wieder zu sich kommen.
»Am besten bringen Sie ihn nach Hause«, sagt einer der Militärärzte, »es ist nur ein kleiner Ohnmachtsanfall, er ist ein sehr sensibles Kind, nicht wahr?«
Marcel senkt den Kopf zum Zeichen der Zustimmung. Er fürchtet, sein Gegenüber könnte den wahren Grund für den desolaten Zustand seines Sohnes erraten haben.